Marc Chagalls berühmter „Exodus“-Zyklus in Saarburger Kirche zu sehen

Bildende Kunst : Mit Gott durch  Höhen und Tiefen

Marc Chagalls berühmter „Exodus“-Zyklus ist ab heute in der Pfarrkirche St.Laurentius in Saarburg zu sehen.

„Exodus“, das griechische Wort für „Weggehen“,  steht für den Auszug aus Unterdrückung, Rechtlosigkeit und Verfolgung. In Zeiten weltweiter Flüchtlingsströme ist der Begriff aktuell wie lange nicht mehr. Als theologischer und historischer Schlüsselbegriff bezieht sich Exodus auf den Auszug der Kinder Israels aus der ägyptischen Knechtschaft, wie er im 2. Buch Moses des Alten Testaments geschildert wird. Ein Auszug  in die ungewisse Zukunft des „Gelobten  Landes“, einzig ausgerüstet mit einem göttlichen Auftrag und Gottvertrauen.

„Exodus bedeutet Aufklärung“ hat der Ägyptologe Jan Assmann festgestellt. So ist auch der Auszug aus Ägypten nicht nur die Befreiung aus der Knechtschaft, sondern ebenso Zeichen des Widerstandes gegen die Allmacht eines irdischen Herrschers, der den Anspruch auf Göttlichkeit erhebt. Marc Chagall, der malende Poet und Bibel-Maler, hat die Geschichte vom „ Exodus“ in seinem gleichnamigen Zyklus aufgegriffen. Die 24 Farblithografien sind jetzt als Leihgabe einer privaten Sammlung  in der St.-Laurentius-Kirche in Saarburg zu sehen. Damit präsentiert die Pfarrei eine weitere Auflage ihrer alljährlichen Kunstausstellung.

 Auch für Pfarrer Georg Goeres ist das Thema Exodus hochaktuell angesichts von Flüchtlingselend und  Heimatsuche. Aber nicht nur das: Für den Theologen steckt in der Geschichte auch eine Botschaft für jedwede  Lebenswirklichkeit. „Mich fasziniert das Thema, dass Gott mitgeht durch die Wüste, durch alle Höhen und Tiefen“, sagt der Geistliche. Höhen und Tiefen hatte auch Chagall durchwandert, als er 1966 in Paris seinen Zyklus schuf.

Der in Weißrussland geborene Maler aus einer jüdischen Familie hatte längst seinen eigenen Exodus hinter sich. Ideologische Indienstnahme der Kunst hatte er ebenso erlebt wie Antisemitismus und Desillusionierung. Bereits 1922 hatte er Russland endgültig verlassen. 1941 emigrierte er mit seiner Familie nach Amerika, wo 1944 seine geliebte Frau Bella starb. Immer wieder hatte der Künstler in schweren Zeiten Hilfe in der Bibel gesucht. Von  Kindheit an  hatte  sie ihn mit „Visionen über die Bestimmung der Welt“ gefesselt.

„In Zeiten des Zweifelns hat mich die Größe der Bibel  und ihre hohe dichterische Weisheit getröstet“- so Chagall. Es verwundert denn auch nicht, wenn der Maler bekennt: „Ich bete, indem ich arbeite.“ In diesem Sinn ist auch der in Saarburg gezeigte Zyklus gleichermaßen Meditation über das Schicksal der Israeliten wie über das eigene. In seiner Formensprache, seinen Kompositionen  und seinen Motiven steht er  im großen Zusammenhang  von Chagalls übrigen Arbeiten zur Bibel. Dabei hält sich der Künstler bei den 24 Motiven eng an die im Alten Testament geschilderten Geschehnisse: Auftrag an Moses, Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, Errettung aus dem Schilfmeer, Bundesschluss und Gesetzestafeln am Berg Sinai. Gleichwohl  erzählt Chagalls Zyklus nicht einfach die Geschichte nach.

Wie sein Gesamtwerk vermitteln auch die wunderbar poetischen Blätter des Exodus-Zyklus „Seelenzustände“, bei denen „jedes Zeichen psychisch durchgearbeitet ist“ (Chagall). Der  Anmut der tanzenden Frauen steht die kalte Ekstase des Tanzes ums Goldene Kalb gegenüber. Tiefes Vertrauen verströmt das Bild von Moses und Aaron. Der glühend rote Gott ist Liebe wie Ordnungsmacht. Zaghaft keimt das Grün der Hoffnung in Moses, dann wieder erfüllt es ihn ganz. So mag es Chagall selbst unzählige Male ergangen sein.

Fraglos verdichten sich in Chagalls Zyklus die eigenen Seelenzustände mit denen  des Bildpersonals, wie gleich das düstere Eingangsbild signalisiert. Dabei wird das Erleben der Israeliten  auch zum Spiegel der Seelenwelt des Malers. Den Lithografien ging zehn Jahre vorher ein Radierzyklus zum Thema voraus, über den sich Besucher in eigens ausgelegten Katalogen informieren können. Unbedingt sehenswert!