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Mariahilff in der Tufa: Maximal intensiv

Lars Rudolph glänzt beim Auftritt von Mariahilff in der Tufa Trier mit seinen Talenten als Musiker und Schauspieler. TV-Foto: Anke Emmerling
Lars Rudolph glänzt beim Auftritt von Mariahilff in der Tufa Trier mit seinen Talenten als Musiker und Schauspieler. TV-Foto: Anke Emmerling
Trier. Ein schräges, intensives, auf keinen Fall alltägliches Musik-Erlebnis ist das Konzert von Mariahilff in der Tufa Trier gewesen. Die Mandolinen-Combo um Schauspieler Lars Rudolph tauchte ihr Publikum mit Klängen zwischen Volkslied, Chanson und Punk, expressiven Texten und theatralischen Gesten in ein Wechselbad von Lachen und Weinen. Von unserer Mitarbeiterin Anke Emmerling

Mit Verspätung, ein paar Stubbis und verstrubbelten Frisuren kommen die fünf Musiker von Mariahilff auf die Bühne. "Ja, wir sing' dann mal'n Lied", presst ihr Frontmann Lars Rudolph mit heiß-knarziger Stimme hervor. Das Schmunzeln über diesen irgendwie rührend schusseligen Auftakt steigert sich zum Lachreiz, als die zwei Mandolinen von Benjamin Staude und Boris Joens wie zur italienischen Folklore-Berieselung in der Pizzeria losgurren. Das bleibt nicht lange so. Denn aus den süßen werden bald seltsam falsche Töne, strukturiert vom dumpfen Bass Ronald Gonkos und der Gitarre Herman Herrmanns, überschwebt von schrägem Gesang Rudolphs, der von "Melancholiiiii" und "Utopiiiii" der Liebe seufzt.

Es klingt wie eine schrullige Mischung aus Brecht/Weill, Rio Reiser und Helge Schneider. Eigen, aber wie das gesamte Programm in spröder Schönheit faszinierend. Inhalt, Form und Bühnenpräsentation sind bei Mariahilff ein alle Sinne und Gefühle ansprechendes Gesamtkunstwerk.

Die Texte mischen deftige Bilder wie "Kotball" für Erde mit Poesie ("die Liebe verzaubert uns in heldenhaften Posen") und Philosophie ("der Grund aller Dinge ist die Wiederkehr des Gleichen"). Damit treffen sie ein aktuelles Lebensgefühl zwischen Ohnmacht, Auflehnung und Rückzug in die Innerlichkeit. Ein Beispiel: "...wir kämpfen wie Helden in Stürmen aus Glas, die bittere Pille zu schlucken ... dass wir die Ursache des Übels selber sind ... wir wollen der Krieg nicht sein, aber kriegen wollen wir alles ... ich muss die Kraft wiederfinden, das Ende alles Blinden ..."

Die verstimmt und gebrochen klingende Musik, bei der markante Rhythmen und eingestreute Melodik immer wieder Sehnsucht nach Struktur und Harmonie erkennen lassen, unterstützt die Aussage der Texte. Sie liefert außerdem Dramatik und Spannung, aber auch viel Humor, der allzu Tragisches wieder aufbricht. Das wiederum entspricht der Performance von Lars Rudolph. Beim Singen wie in bemerkenswerten Trompetensoli oder Rhythmuspassagen auf Becken und eigenen Wangen windet er sich in theatralischen Gesten der Leidenschaft und Hingabe. Dazwischen reizt er als jungenhaft wirkender Spaßvogel die Lachnerven. Schade, dass diesen berührenden Abend nur ein kleines Publikum wahrgenommen hat. mehi/yz