Marketing ist Gottesdienst am Kunden

Marketing ist Gottesdienst am Kunden

LUXEMBURG. Einblicke in Psychotrainings-Kurse für abgehalfterte Führungskräfte gibt das Stück "Groundings" - ein Gastspiel des Zürcher Schauspielhauses, dessen (Noch-)Intendant Christoph Marthaler Regie führte.

Es geht um ein Schweizer Nationalheiligtum - um, nach Aussagen von Firmengründern und -mitarbeitern - die "beste Fluggesellschaft der Welt": die "Swissair". Der Gedenkabend heißt "Groundings", was ungefähr "gestrandet" oder Verweigerung der Starterlaubnis bedeutet. Beides trifft mittlerweile für die nicht mehr existente Airline zu, die für die Schweizer noch wichtiger war als Emmentaler, Matterhorn und Heidi. Die Swissair galt als große Familie, so geht die Sage, und verfügte bereits über eine Corporate Identity, als smarte Unternehmensberater diesen Begriff noch gar nicht in ihrem Worthülsenschatz hatten. "Groundings" ist also ein sehr schweizerisches Stück. Einerseits. Andererseits steht das ehemalige Luftfahrtunternehmen stellvertretend für die globale Wirtschaft und deren von - vor allem aufs eigene Wohlergehen bedachten - Managern gesteuerte Achterbahnfahrten.Nicht zuletzt verarbeitet Christoph Marthaler Erfahrungen der eigenen Biografie: Der Intendant des Zür- cher Schauspielhauses wurde wegen zurückgehender Abo-Zahlen geschasst, nach heftigen Prote-sten seiner Fans jedoch für eine weitere Spielzeit "auf Bewährung" eingestellt.Inzwischen hat er, genervt von den Lokalpolitikern, aufgegeben und wird das Haus vorzeitig verlassen. Seine persönlichen Groundings flechtet er selbstironisch mit den dadaistisch anmutenden Sätzen ins Stück ein: "Wir sind für ein leeres Theater. Aber nicht vor modernen Rängen." Soviel zum Leben hinter den Kulissen; zurück auf die Bühne des Grand Théâtre in Luxemburg, wo das Zürcher Ensemble für zwei Abende gastierte. Hier müssen sich acht namenlose Manager einem gut zweistündigen Psychotraining unterziehen. Sie lernen nicht nur, dass Marketing Gottesdienst am Kunden ist, sondern auch, dass Abfindungen besser sind als Schweigegeld; wie man entlässt, ohne zu leiden oder selbst entlassen wird, ohne zu jammern. Folgerichtig wird die Klage "Ich habe nur eine Million Abfindung bekommen" mit der sarkastischen Antwort "Wer die Million nicht ehrt, ist der Milliarde nicht wert" pariert. Damit sich die siebenstelligen Summen nicht so unanständig anhören, sprechen die Abgefundenen übrigens lieber von Melonen; da klingt sogar noch was Gesundes mit. Und dass Mammon der Gott der Manager ist, beschwört Marthaler mit Sätzen wie "Ich bekenne täglich meine Schulden", oder er lässt eine "Kollekte für die Aktion ,Banken in Not‘" ausrufen. Im schäbig gehaltenen Bühnenbild von Anna Viebrock, eine Art trister Wartesaal zur grauen Zukunft, der durch bewegliche Wände zu nicht minder ungemütlichen Konferenzräumen umgewandelt wird, bittet Marthaler zum apokalyptischen Tanz über Hausse und Baisse. Kindische Trotzköpfe, aalglatte Seelenverkäufer

Er zeigt gestandene Männer im De- signeranzug als kindische Trotzköpfe, aalglatte Seelenverkäufer beim Jonglieren mit Jobs (vorzugsweise der Untergebenen), als rückgratlose Jammerlappen oder als Liebhaber mit bizarrem Hang zu Nylonstrümpfen. Und wenn sie nach der Arbeit zum Lunch greifen, geht ein animalisches Grunzen und Schmatzen durch den Raum. Demjenigen, den nach der Party das Fallbeil der lean production trifft, versichern die (noch) Verbleibenden ihre ewige Freundschaft. So sieht Marthaler die Menschen, die die Geschicke der Weltwirtschaft leiten, und wir sehen gerne zu, weil seine Interpretation der Mächtigen und Entmachteten so falsch sicher nicht ist. Aber er lässt auch keinen Zweifel daran, dass hinter manchem Boss nur ein Büblein steckt, das in permanenter Angst vor jedem Mitbewohner der Chefetage lebt. Austauschbar sind sie alle und allemal. Dafür findet der Regisseur ein treffliches Schlusstableau: Da holen die Manager aus den Notfallkoffern, die sie den ganzen Abend mit sich herumschleppen, eine Puppe, an der sie ihre vergeblichen Wiederbelegungsversuche praktizieren. Die Wirtschaft - von egozentrischen Unternehmern endgültig zu Tode geritten. Ein Bild, mit dem Marthaler allen politischen Kabaretts wortlos Paroli bietet. Es wäre unfair, einen der Mitwirkenden namentlich hervorzuheben. Sie alle waren hervorragend in ihrem Spagat zwischen Managerschicksal und Magenkrämpfen, Anlagenproblemen und Angstattacken, und sie alle wurden gleichermaßen stürmisch vom Publikum gefeiert.

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