| 17:52 Uhr

Trier
Vier selbstvergessene Musiker, ein Herz und eine Seele

Markus Stockhausen an der Trompete.
Markus Stockhausen an der Trompete. FOTO: Hans Krämer
Trier. Markus Stockhausens Quartett „Quadrivium“ beendet die Reihe „Jazz im Brunnenhof“ mit einem denkwürdigen Konzert.

Lag es an den über Nacht hereingebrochenen Herbsttemperaturen? Am Eintrittspreis, der für diesen Abend doppelt so hoch war wie an den vorhergehenden? An der Musik, die mit „Jazz“ nur unzulänglich etikettiert ist? Denn der Name Stockhausen steht nicht stellvertretend für die Art von Musik, die in dieser Saison das Publikum scharenweise angelockt und für ausgesprochen gute Laune gesorgt hat. Am Ende haben sich nur rund 180 Zuhörer eingefunden, um der Schlussveranstaltung der silbernen Ausgabe vom „Jazz im Brunnenhof“ beizuwohnen. Im 25. Jahr ihres Bestehens sollte die Reihe mit der Gruppe „Quadrivium“ einen krönenden Abschluss erleben.

Was sie zweifellos auch getan hat. Mit „Quadrivium“, in dem sich im Mittelalter die vier Wege der  Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik kreuzten, haben die Veranstalter vier Künstler nach Trier geholt, die mit ihrer Grenzen sprengenden Musik für einen hörenswerten und denkwürdigen Abend gesorgt haben. Was der Italiener Angelo Comisso am Klavier, der Cellist Jörg Brinkmann, der Schlagzeuger Christian Thomé und natürlich Markus Stockhausen, der ebenso oft zur Trompete griff wie zum samtiger klingenden Flügelhorn, an Klangwelten boten, reichte von erdigem, rhythmisch geprägtem Jazz – der sich vor allem im zweiten Teil des Abends zumindest zeitweise Gehör zu verschaffen mochte – über Sphärisches und Fusion bis zur Weltmusik mit spirituellen und esoterischen Elementen. Die Titel seiner Stücke sind Programm: So nimmt er die Zuhörer mit auf eine „Eternal voyage“, eine ewige Reise, die in der Tat so lange dauert wie der Satz einer Sinfonie. Was angesichts der Wegstrecke, die zurückzulegen ist, auch für den Ausflug „Far into the stars“ gilt (beides gleichzeitig die Titel der jüngst erschienenen CDs).

Bemerkenswert nicht nur bei diesen Kompositionen ist die Achtsamkeit, mit der die vier Musiker agieren, aufeinander hören und reagieren, improvisatorische Freiräume nicht nur respektieren, sondern auch mit großem Einfühlungsvermögen betreten, um gemeinsam die Ideen weiterzuentwickeln, die der jeweils andere vorgegeben hat. Ganz in die Klänge dieses formidabel homogenen Spiels versunken steht in seinen Pausen Markus Stockhausen, groß und schlank und schlaksig, mit geschlossenen Augen und einem Lächeln auf den Lippen inmitten seiner Kollegen auf dem Podium – und freut sich einfach nur an den musikalischen Ideen, die ihnen (offenbar just in diesem Moment) in den Sinn kommen. Das meisterlich aufeinander abgestimmte Quartett wirkt wie eine quasi mystisch-musikalische Einheit – oder schlichter ausgedrückt: ein Herz und eine Seele, die selbstvergessen und doch stets aufeinander achtend wunderschöne Töne erzeugen. Notierte und improvisierte Musik fließen unmerklich ineinander, erzeugen Spannungsmomente und Schwebezustände von hypnotischer Qualität. Auf die Erde zurück holt Markus Stockhausen sein Publikum immer wieder mit seinen sympathisch bescheidenen Ansagen, bei denen er sich auch schon mal erlaubt, auf die „sehr schöne Melodie, wie ich finde“ hinzuweisen – zum Beispiel bei der Komposition „En cœur“, ein Wortspiel aus „im Herzen“ und „Zugabe“ (Encore).

Das Publikum respektiert die Musik und die Musiker in besonderer Weise: In keine einzige der Kompositionen applaudieren die Zuschauer hinein, wie es beim Jazz nach virtuosen Alleingängen – von denen es an diesem Abend zahlreiche gab – üblich ist. Und sie drängen auch nicht auf ein „Encore“, nachdem ein sichtlich zufriedener wie erschöpfter Markus Stockhausen am Ende des Beifalls stellvertretend für seine Mitstreiter erklärte: „Wir sind alle.“