Matthias Kirschnereit und das Amaryllis Quartett Musik, tiefgründig und wechselvoll wie das Leben

Matthias Kirschnereit und das Amaryllis Quartett : Musik, tiefgründig und wechselvoll wie das Leben

Im Kloster Machern waren Matthias Kirschnereit und das Amaryllis Quartett mit einem bewegenden Konzert beim Mosel Musikfestival zu Gast.

„Mir ist, als hätte ich eine große tragische Geschichte gelesen“. Wie Clara Schumann mag es den Zuhörern am Donnerstag beim Konzert des Mosel Musikfestivals im Kloster Machern gegangen sein, als der letzte Ton von Johannes Brahms berühmtem  Klavierquintett in s-moll op.34 verklungen war. Lange hat man das berühmte Werk nicht mehr so bewegend gehört. Eine zutiefst ergreifende Geschichte war da musikalisch zu Ende gegangen, wechselhaft und widersprüchlich wie das Leben selbst.

Mit Matthias Kirschnereit am Klavier und den nicht nur interessanten, sondern mit der Romantik auch bestens vertrauten  Streichern des Amaryllis Quartetts hatte der einsame Komponist in Machern wunderbare Mittler seiner Klangrede gefunden. Kirschnereit steht im Ruf, das Menschliche in der Musik zu suchen.  Im Dialog mit den Streichern machte er  in Machern einmal mehr Musik als Seelenecho hörbar. Brahms Quintett gehört fraglos zum Eindrucksvollsten der kammermusikalischen Literatur.

Einfühlsam und intelligent wurden die Musiker zu kongenialen Klangdeutern dieses hochkomplexen  kontrastreichen Wechselspiels aus Melancholie und kraftvollem Auf- und Aufruhr, aus Ringen, Verwerfen und Triumphieren,  aus tiefster weltabgewandter Innerlichkeit mit ihren Gespenstern und forscher Weltzugewandtheit. Was dort oben im barocken Festsaal von Machern ihre  Interpreten bis an ihre Grenzen forderte,  war Musik, die „vom Leben ins Leben fällt“ (Roberto Juarroz). Soll heißen: in deren dichten Kosmos mit seiner vielfarbigen  Tonsprache das Leben in allen Farben leuchtete und dunkelte.

Und nicht nur das: Kirschnereit und das Ensemble machten überdies den symphonischen Charakter gerade des ersten Satzes hörbar, wie die Wurzeln und Verweise der Musik, in der unmissverständlich Beethoven und Schubert mitklingen  und  die weit über Wagner hinaus in die Zukunft weist. Wunderbar der lyrische, fein kolorierte Anschlag des Pianisten, der herrliche Gesang der Geigen, Tomoko Akasakas verlässliche Bratsche und das beredte samtene Cello von Yves Sandoz. Dem zutiefst bewegenden Brahms Quintett folgte Antonin Dvoráks Klavierquintett in A-Dur op.81 mit seinen gefühlvollen Melodien, seiner Heiterkeit und seiner ausgelassenen Folklore. Da war Gustav Frielinghaus an der ersten Geige (2. Violine Lena Sandoz) mit ihrem himmlischen Klang in ihrem Element. Bei aller anrührenden Klangseligkeit blieb der Strich des Geigers schlank und fein.

Im Allegro des Finale endete höchst unterhaltsam und leicht, was mit Brahms angefangen hatte. Mit Bravo-Rufen und Jubel bedankte sich das Publikum. Zur Freude der Zuhörer erklang noch einmal das Scherzo von Dvorák als Zugabe. Denn wie merkte Kirschnereit treffend an: Eigentlich war musikalisch alles gesagt.

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