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Mechthild Neyses-Eiden Dendrochronologie Rheinisches Landesmuseum Trier

Portrait : Unterwegs im Forst der Jahrtausende

Mechthild Neyses-Eiden hat ins Innere von Bäumen geschaut, die schon seit Tausenden von Jahren nicht mehr wachsen. Die Dendrochronologin, also Erforscherin der Lebensdaten von Hölzern, leitet das Labor im Rheinischen Landesmuseum Trier seit 1984, zuletzt auch als dessen stellvertretende Direktorin. Nun nimmt sie Abschied.

Holz erzählt Geschichte“. So hat Mechthild Neyses-Eiden ein Büchlein überschrieben, in dem sie mit vielen Bildern darlegt, wie sich das Alter von Holzstücken präzise bestimmen lässt, egal ob es sich um Gebäude, Möbelstücke oder Geschirr handelt, ob um mittelalterliches Fachwerk, römische Wasserrohre oder gar vorgeschichtliche Siedlungsspuren. Die Dendrochronologie macht’s möglich. Sie vergleicht die Muster der Jahrringe, die Bäume je nach Lebenslage ausbilden.

Als die heutige stellvertretende Direktorin des Rheinischen Landesmuseums in Trier das dendrochronologische Forschungslabor 1984 übernahm, da feierte Trier gerade den sensationellen Beweis über die Gründung der Römerstadt: Trier war 2000 Jahre alt. Das Holz, das beim Bau der ersten Römerbrücke verwendet wurde, war im Jahr 17 vor Christus gefällt worden, fand Neyses-Eidens Vorgänger Ernst Hollstein heraus. Der Pionier des Forschungszweigs hatte das Labor erst 1970 gegründet und zeigte der jungen Volontärin, wie man Holzstücke zum Erzählen bringt, wie man aus Jahrring-Mustern Kalender erstellt und Jahrtausende lange Chronologien. „Als ich hier angefangen habe, gab es noch keinen PC“, erinnert sich Neyses-Eiden an ihre erste Zeit im Labor. Wenn ein Kleincomputer ein Holzalter berechnen sollte, dauerte das manchmal eine ganze Nacht.

Ihr Berufsziel war die Dendrochronologie zuvor nicht. Nach dem Studium der Forstwissenschaft in Freiburg stellte sich für die junge Absolventin aber die Frage: „Was kann man mit dem Studium noch machen außer im Forst zu bleiben? Es war schon eine Männerdomäne“, erinnert sich Neyses-Eiden. Sie wollte weg. So wurde sie 1982 Volontärin im Dendro-Labor in Trier – und blieb. In guten Zeiten hatte die Laborleiterin eine Assistentin, in weniger guten war sie ganz allein – allerdings gut vernetzt in Forschungsprojekte andernorts.  Mit Hollstein zusammen untersuchte die junge Dendrochronologin noch den Karlsschrein in Aachen. Nach dessen Ruhestand fand sie anhand kleiner Holzkohlen selbst heraus, dass das römische Militärlager auf dem Trierer Petrisberg im Jahr 30/29 v. Chr. bestand und bestätigte damit eine Hypothese Hollsteins.

Was waren die Highlights ihrer Karriere? „Ich habe nicht das Lieblingsstück“, sagt Neyses-Eiden. Einmal gelang ihr, die vier Quellfassungen des Römersprudels in Trier-Feyen zu bestimmen, dem bis heute sprudelnden Wasservorkommen – mithilfe der Kohlenstoffdatierung durch einen Kollegen. Wenn keine Dendro möglich sei, so die Forscherin, dann sei diese Methode das Mittel der Wahl. „Es hat sich herausgestellt, dass bronzezeitliche Siedler diese Quelle benutzt haben“, eine Einfassung geht auf das Jahr 1889 v.Chr. zurück, erzählt die Expertin, die diese Erkenntnis wie viele andere publiziert hat. Auch Bergwerke im an Erzen reichen Hunsrück, eine eisenzeitliche Befestigungsanlage in Metz, Fassfunde in Groß-Gerau und Kunstwerke im Rheinland nahm die Holzspezialistin unter die Lupe. Und sie baute neue Chronologien auf, die den in Trier ausgeprägten Schwerpunkt der westeuropäischen Eiche ergänzten. „Es gibt auch viele kleine unscheinbare Funde, die dann mit ihrem Ergebnis und ihrer Aussagekraft ganz wichtig werden“, so Neyses-Eiden, die die Grundlagenforschung wichtiger findet als einzelne Datierungen. Über die Lebenszeit eines Baums lasse sich viel mehr herausfinden als nur sein Alter, etwa für die Klimaforschung.

Neben dem Labor hat Neyses-Eiden, die Ende Juli in den Ruhestand geht, die Entwicklung des Rheinischen Landesmuseums stark mitgeprägt, das sie seit 2006 stellvertretend leitet. Die größten Projekte: die Landesausstellungen zu Kaiser Konstantin, Nero und Karl Marx sowie die Dauerausstellung, die nach intensiven Prozessen über Leitbilder und eine moderne, benutzerorientierte Museumsausrichtung verändert wurde – ein Prozess, den Neyses-Eiden dem Haus, das sich seit 2018 Zentrum der Antike nennt und auch die Römerbauten umfasst, wieder für die Zukunft wünscht. Große Ausstellungen zu machen, sagt die 65-Jährige, sei wichtig, aber genauso müsse man fragen: „Was ist davon nachhaltig?“ Ein Prozess des Innehaltens und der Selbstreflexion „tut immer gut“. Zunächst steht 2022 aber die große Landesausstellung „Der Untergang des römischen Reiches“ an.

Der Dendrochronologie will die scheidende Forscherin treu bleiben und ehrenamtlich die Arbeit unterstützen. Anne Heucher