Mehr als das tägliche Horoskop

Mehr als das tägliche Horoskop

Zur Feier des 50-jährigen Bestehens des Vereins Sternwarte Trier erklärt die Ägyptologin Alexandra von Lieven, wie im Alten Ägypten die Sterne und ihre Deutungen das Leben bestimmten.

Trier. Es muss um die Osterzeit gewesen sein, erinnert sich Alexandra von Lieven. Sie lief mit ihrer Mutter an einer Buchhandlung vorbei, und da sah sie im Schaufenster das Buch, das ihr junges Leben in seine Richtung bringen sollte. Ein Bildband über das alte Ägypten.
Sie fragte die Mutter, ob sie es haben könne. Diese war nicht begeistert. Viel zu teuer, meinte sie, und die beiden gingen heim. Doch von Lieven konnte sich nicht lösen, sie stülpte jede Sparsocke um, schlachtete jedes Sparschwein, zählte zusammen und spekulierte auf einen gewissen Betrag Ostergeld. Wenn sie das Geld selbst zusammenbringen würde, dürfte sie das Buch bestimmt kaufen. Als sie ihrer Mutter die Rechnung vorlegte, war diese von ihrem Kind im Grundschulalter so beeindruckt, dass sie zustimmte.
Die Stimme der 41-Jährigen klingt heute immer noch begeistert, wenn sie von diesem Buch erzählt. Nun ist sie Dozentin an der Freien Universität Berlin, im Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Ägyptologisches Seminar. Nun war die gebürtige Saarbrückerin für einen Vortrag in Trier. Eingeladen wurde sie vom Verein Sternwarte Trier, der mit dem Festvortrag sein 50-jähriges Bestehen feiert, in Kooperation mit der Universität Trier. Titel des Vortrags: "Sonne, Mond und ... Schlangen. Astronomische Decken in späten ägyptischen Tempeln".
Astro-TV gegen Lebenskultur


Die Ägyptologin und Religionswissenschaftlerin hat ein besonderes Gebiet: die Astronomie der Alten Ägypter. Sie untersucht, welche kulturellen Einflüsse die Beschäftigung mit den Sternen und den Sternbildern auf die Menschen des Altertums hatte. Was in Zeiten von dem Fernsehsender AstroTV, Tageshoroskopen und Schamanen-Workshops einen starken esoterischen Beigeschmack hat, war für die Ägypter ein gelebter Teil ihrer Kultur. Dabei hatten die antiken Voraussagen aus den Sternen nur wenig mit dem modernen täglichen Horoskop zu tun: "Die antiken Quellen zeigen, dass anhand des Geburtstages das ganze Leben kalkuliert wurde", sagt von Lieven.
Wer unter einem bestimmten (Stern-)Zeichen geboren worden war, würde in seinem Leben mit diesem und jenem zu rechnen haben, er würde so und so alt werden und mit diesen und jenen Krankheiten zu kämpfen haben, erklärt sie weiter. Die Sterne sagten einem also nicht, ob man einen guten oder schlechten Tag haben würde, sondern ob man im Leben zu Einfluss kommt, ob man an schwacher Gesundheit leidet oder früh stirbt. "Das ganze Leben voraussehen zu können, hat in der Antike eine große Rolle gespielt, aber auch noch bis in die Frühe Neuzeit hinein."
Der Mathematiker, Naturphilosoph und Astronom Johannes Kepler habe noch regelmäßig in die Sterne geschaut; die strikte Trennung von Naturwissenschaft und der zukunftsvoraussagenden Astrologie sei eine relativ junge Trennung, so von Lieven.
Die Sterne hatten zudem großen Einfluss auf das tägliche Leben: Eine ureigene ägyptische Erfindung war die Aufteilung des Sternenhimmels in 36 sogenannte Dekane, Sternbilder, die alle zehn Tage auf- und wieder untergehen. Kombiniert wurden diese ab der Spätzeit mit den zwölf Tierkreiszeichen, die man aus Mesopotamien übernommen hatte.
Mit Hilfe der Dekane wurde jedoch nicht nur das Schicksal eines Menschen entschlüsselt. Ihr wichtigster ursprünglicher Zweck war die Einteilung des Jahres in jeweils zehntägige Zeitabschnitte. Dabei begann das neue Jahr, wenn zeitgleich mit der wiederkehrenden Nilüberflutung der Siriusstern am Himmel aufging. Den Dekanen wurden zudem Einflüsse auf die Gesundheit der Menschen nachgesagt: Wer während der Flutzeit an einer Infektionskrankheit litt, war nicht Bakterien, Insektenstichen oder verunreinigtem Wasser zum Opfer gefallen, sondern litt an den negativen Einflüssen der Sterne und ihrer dämonischen Begleiter. Spezielle Amulette mit den Zeichen der Sterne sollten Abhilfe schaffen.
Am Ende des Jahres wurden außerhalb dieser Struktur fünf Tage hinzugefügt, so dass das gesamte Jahr 365 Tage hatte. "Die Menschen haben richtige Beobachtungen gemacht und diese in ein größeres theoretisches Konzept verwoben." Ein theoretisches Konzept, das in Teilen bis heute überlebt hat. "Die grafischen Darstellungen der Sternzeichen, die es heute teilweise noch gibt, kann man auch schon in Aufzeichnungen der Alten Ägypter finden", sagt von Lieven und nennt als Beispiel das Sternzeichen der Waage, dessen heutiges Symbol auf die ägyptische Horizonthieroglyphe zurückgeht.
Übrigens auch von Lievens Sternzeichen, wie sie meint. Horoskope liest sie allerdings nicht und glaubt auch nicht daran, aber man wisse ja einfach, welches Sternzeichen man sei.

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