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Kultur: Mehr als Schweiß und Scherben

Kultur : Mehr als Schweiß und Scherben

Abenteuer Archäologie: Hans Nortmann, Leiter der archäologischen Denkmalpflege, spricht kurz vor seinem Ruhestand über spektakuläre Grabungen, eine Flut von Bauanfragen, Zeitdruck und den Hebel, mit dem er in die Vergangenheit einsteigt.

Wer an Archäologen denkt, sieht Menschen vor sich, die auf staubigem Boden knien und voll konzentrierter Hingabe Knochen oder Scherben freipinseln, um Neues über die Vergangenheit zu erfahren.

Hans Nortmann hat immerhin ein wenig Matsch am Schuh, der dafür spricht, dass er an diesem Tag bereits im Gelände war. Die meiste Zeit jedoch verbringt der Leiter der landesarchäologischen Außenstelle Trier zwischen Fachbüchern und Kisten voller Scherben, Fibeln und Münzen in seinem Büro im Dachgeschoss des Landesmuseums. 80 bis 90 Prozent seiner Arbeit, schätzt Nortmann, ist Büroarbeit.

Knapp 400 Bauanfragen bearbeitet er jährlich. "Jedes Baugebiet, jeder Güllebehälter, jedes Windrad gehen über meinen Schreibtisch", sagt Nortmann, der die Kreise Trier-Saarburg, Bernkastel-Wittlich, Vulkaneifel, Birkenfeld und den Eifelkreis Bitburg-Prüm betreut. Hinzu kommt Trier (rund 240 Planungsanfragen pro Jahr) - eine Stadt, die Metropole des Römischen Reiches war und die auch im Mittelalter ein bedeutendes Zentrum blieb. Und so haben die drei Altertumsforscher der archäologischen Denkmalpflege in Trier mehr als genug zu tun.

Multimedia: Archäologen am Werk


Mit Hilfe einer gut gefütterten Datenbank überprüft Nortmann, ob da, wo gebaut werden soll, bereits Funde gemacht wurden. Falls ja, tauchen diese als rote Punkte auf einer digitalen Landkarte auf. Auch die Funde von Hobbyarchäologen, mit denen das Haus zusammenarbeitet, werden in dieser Datenbank erfasst. Anhand der Karte entscheidet der Archäologe dann, ob die Bauarbeiten unproblematisch sind oder ob ein Einschreiten nötig ist, um zu verhindern, dass archäologische Substanz zerstört wird.

Im Prinzip muss man in der Region fast überall mit Funden rechnen. Auch da, wo noch keine gemacht wurden. Die theoretische Möglichkeit, dass diese zerstört werden, ist allerdings noch kein Grund zum Einschreiten. Die meisten Bauarbeiten werden als unproblematisch eingestuft.

In Trier, Bitburg und Wittlich schauen die Archäologen allerdings sehr genau hin, weil dort bei Erdarbeiten ständig etwas Neues zum Vorschein kommt. Das sind nicht immer Sensationsfunde wie die Viehmarktthermen oder das römische Militärlager von 30 vor Christus auf dem Petrisberg - ein komplettes Zwei-Legionen-Lager aus der Zeit, bevor Trier gegründet wurde. "Das war die wichtigste Grabung der vergangenen 30 Jahre", sagt Nortmann. Bot sie doch die Möglichkeit, mehr über "diese römische Militärmaschine" herauszufinden, die den gallischen Krieg gewonnen hatte. "Wenn man sieht, wie schnell die da oben für 10 000 Mann zweistöckige Kasernen hochgezogen haben, dann versteht man auch, warum der Krieg so ausgegangen ist", sagt Nortmann.

Derart sensationell sind die Funde selten. Dennoch helfen sie, das Bild zu vervollständigen. So entdeckten die Archäologen vor wenigen Monaten auf einem Hotelgelände in Trier einen großen römischen Frischwasserkanal. Das mag zunächst wenig spektakulär klingen für eine Stadt, in der ein Kaiserpalast und riesige Thermen standen. Doch zeugt dieser Kanal laut Nortmann davon, dass auch in der Spätantike noch kräftig in die Infrastruktur investiert wurde - vielleicht, weil die Ruwertalwasserleitung plötzlich nicht mehr ausreichte. Ein Mosaikstückchen, das das Bild des antiken Triers ergänzt und neue Fragen aufwirft.

"Ein großer Teil der täglichen Arbeit besteht darin, zu entscheiden, wie wir mit Baumaßnahmen umgehen", sagt der Altertumsforscher. Einfach mal so irgendwo graben, weil Spannendes im Boden vermutet wird oder weil dies entscheidende Fragen beantworten könnte, das bleibt die absolute Ausnahme. Zum einen ist dies nicht Aufgabe der Landesarchäologie, zum anderen fehlt die Kapazität.

Mit insgesamt drei Archäologen, drei Grabungstechnikern und vier Grabungsarbeitern können maximal drei Grabungen gleichzeitig stattfinden. Da diese oft längere Zeit in Anspruch nehmen können, sind laut Nortmann drei bis sechs große Grabungen pro Jahr möglich. In einer Region, die seit Tausenden Jahren kontinuierlich besiedelt und so reich an archäologischen Schätzen ist, wie kaum eine andere in Deutschland.

Bei großen Bauprojekten mit einem Volumen von mehr als 500 000 Euro gibt es zwar die Möglichkeit, zusätzliches Personal anzuheuern. Denn Investoren sind in Rheinland-Pfalz seit 2008 gesetzlich verpflichtet, den archäologischen Aufwand mit bis zu einem Prozent der Baukosten zu entschädigen. Mancher Bauherr ist auch bereit, mehr zu zahlen, wenn es dann schneller geht. Das Geld reicht laut Nortmann dennoch gerade in den Städten mit ihren meterdicken römischen und mittelalterlichen Schichtfolgen oft nicht aus, um lange und intensiv genug graben zu lassen.

Der Zeitdruck ist enorm, sobald eine Ausgrabung mal begonnen hat. Schaffen die Archäologen es, die Befunde zu sichern, bevor sie für immer zerstört werden? Die Investoren wollen bauen. Das Geld droht auszugehen. Und dann gibt es noch harte Winter oder Bombenfunde, die alles durcheinanderbringen. So wie in Bitburg im Jahr 2013, als die Altertumsforscher am Postplatz die Arbeiten für eine Tiefgarage begleiteten. Optimal wäre damals eine chronologische Freilegung aller Erdschichten gewesen - schließlich hat Bitburg nicht nur eine mittelalterliche, sondern auch eine lange römische Geschichte: Vicus Beda war Raststation an der römischen Fernstraße Richtung Köln und wurde um das Jahr 330 zum Kastell ausgebaut. Die Zeit war allerdings so knapp, dass die Forscher sich für eine Epoche entscheiden mussten. Sie wählten das Mittelalter und gewannen neue Erkenntnisse über den Verlauf der Stadtmauer.

Knapp anderthalb Jahre später bot sich am Postplatz beim Bau eines modernen Wasserspiels erneut die Chance, in die Vergangenheit vorzudringen. Auch in die römische. Und dabei fanden die Forscher heraus, wie Bitburg zu Beginn des ersten Jahrhunderts aussah: Lange, schmale Holzhäuser mit Lehmfachwerk säumten die Straße, dahinter lagen 60 Meter lange Selbstversorger-Gärten. Bei den Bewohnern dürfte es sich um Straßenarbeiter und Soldaten gehandelt haben.

Kaum seien die Kollegen mit einer Grabung so weit fertig, dass sie anfangen könnten, ihre Aufzeichnungen für die Aktenablage fertig zu machen, damit externe Wissenschaftler sie später problemlos verstehen und auswerten können, müssten sie schon wieder in die nächste Grabung einsteigen, sagt Nortmann. "Deshalb liegen hier viele Grabungsergebnisse in Rohform." Viele Akten seien nicht in dem Zustand, in dem man sie Fremden übergeben könnte - mal fehlten nur Fototexte, mal seien Pläne und Profile Skizzen mit handschriftlichen Vermerken, aus denen jemand anderes womöglich nicht schlau wird. So sei die Ausgrabung am Viehmarkt eine derer, die liegen blieben: Am Rande der Thermen habe ein Kollege Erkenntnisse zur Gründungsphase der Stadt gesammelt, die noch nicht "richtig verdaut" worden seien, weil niemand dazu komme. "Das ist ein Berg Arbeit, den wir aus der Vergangenheit vor uns herschieben", sagt Nordmann, der sich eine bessere personelle Ausstattung wünschen würde. Er schätzt, dass in den Akten und Lagerräumen noch mehr als 30 Schätze zu heben sind.

Zwar werden Jahresberichte mit den wichtigsten Ergebnissen veröffentlicht. Doch nur selten bleibt den Trierer Archäologen die Zeit, ihre Funde wissenschaftlich auszuwerten. "Die Kollegen sind mit ihrem Tagesgeschäft der Rettungsgrabungen so beschäftigt, dass sie kaum dazu kommen, die Forschung publikationsreif auszuarbeiten", sagt Torsten Mattern, Professor für klassische Archäologie an der Uni Trier. Glück für andere Forscher und Studenten. Mattern lobt die gute Zusammenarbeit mit dem Trierer Landesmuseum. Woanders sei es so, dass alles in den Archiven verschwinde. Nicht in Trier. Das Museum habe zahlreiche Forschungsarbeiten ermöglicht, indem es Zugang zum Grabungsmaterial gewährte.

Nortmann, der Experte für die Eisenzeit ist, wird nach seiner Pensionierung die Zeit finden, Grabungen auszuwerten. Darunter eine, bei der er und seine Kollegen an der Trierer Moselschleuse neben einem kompletten römischen Gräberfeld eisenzeitliche Siedlungen gefunden haben. Im Keller des Museums gibt es einen fensterlosen Raum, in dem Scherben gewaschen werden. Dort warten gereinigte Reste eisenzeitlicher Keramik und der Putz eines verbrannten Hauses auf Nortmann. "Das ist der Hebel, mit dem ich in die Vergangenheit einsteige", sagt Nortmann, während er zwei passende Teile aneinanderhält wie Puzzlestücke.

Zuletzt wandern die Funde ins Archiv. Die Keller des Museums sind gefüllt mit Regalen voll restaurierter Keramik, Grabbeigaben oder den Resten verbrannter römischer Leichen. Zusätzlich mussten zwei Industriehallen gemietet werden, um alle Funde unterzubringen. Denn gerade die Römerzeit hat eine Masse an Keramik, Steinen oder Metall hinterlassen. Ein Stockwerk höher füllt das Material einer einzigen Grabung einen ganzen Saal: verzierte Kapitelle, Grabsteine, große Urnen und zig Kisten voller Gebeine, Öllämpchen und Amphoren. Zugegeben: keine gewöhnliche Grabung. Was dort lagert, sind die Funde aus dem römischen Gräberfeld vor der Porta Nigra. Sie werden bewahrt, um in Zukunft präzise Aussagen über die Bewohner der Stadt treffen zu können.

Wer weiß, vielleicht werden diese Erkenntnisse eines Tages im Museum präsentiert, mit dem die Landesarchäologie sich das Dach teilt. Nortmann schätzt diese Nähe sehr. Haben die Archäologen so doch die Möglichkeit, zu zeigen, welches Wissen sie im Laufe der Jahrzehnte über die Region gewonnen haben.

"Es ist ein großes Glück, dass wir das nicht nur für die Forschung machen, sondern auch für die preisgekrönte, schöne und verständlich präsentierte Dauerausstellung. Ich bin froh, dass ich daran mitwirken konnte", sagt Nortmann, der das Haus nach 33 Jahren bald verlassen wird. Seine Leidenschaft für die Archäologie jedoch, für die Erforschung unentdeckten Neulands, wird ihn noch lange nicht loslassen.

Texte, Videos und Fotos unter www.volksfreund.de/vorzeitenExtra: LANDESARCHÄOLOGIE

Die Landesarchäologie dient der Erforschung, Sicherung und Erhaltung der archäologischen Denkmäler und Quellen in Rheinland-Pfalz. Mit ihren Außenstellen in Koblenz, Mainz, Speyer und Trier betreut und erforscht sie das Land flächendeckend. Je drei Wissenschaftler sind laut Thomas Metz, Chef der Generaldirektion Kulturelles Erbe, bei den Außenstellen beschäftigt. Insgesamt arbeiten 127 Menschen für die Landesarchäologie, darunter auch viele Studierende.Extra: LANDESAUSSTELLUNG

 Gut gefüllte Magazine: Im Keller des Landesmuseums lagern Tausende archäologische Kostbarkeiten. TV-Foto: Katharina de Mos
Gut gefüllte Magazine: Im Keller des Landesmuseums lagern Tausende archäologische Kostbarkeiten. TV-Foto: Katharina de Mos Foto: (g_kultur

Zum 70. Geburtstag des Landes zeigt eine große Ausstellung in Mainz die Bandbreite dessen, was die heimischen Altertumsforscher in den vergangenen sieben Jahrzehnten entdeckt haben. "vorZEITEN" - Archäologische Schätze an Rhein und Mosel" ist der Name der Schau, die vom 21. Mai bis zum 29. Oktober im Landesmuseum in Mainz zu sehen ist und die einen Streifzug durch 800 000 Jahre wechselvoller Menschheitsgeschichte verspricht. Weitere Infos unter www.vorzeiten-ausstellung.de Im ersten Teil unserer Serie "Abenteuer Archäologie" haben wir vorgestellt, was in der Landesausstellung in Mainz zu sehen ist. Im nächsten Teil erklären wir, wie Trierer Forscher mit Hilfe von Bäumen das Alter von Bauwerken bestimmen.