1. Region
  2. Kultur

Mehr Sex, mehr Soli: Die Band Bilderbuch spielt am 27. November im Luxemburger Atelier

Mehr Sex, mehr Soli: Die Band Bilderbuch spielt am 27. November im Luxemburger Atelier

Die spannendste deutschsprachige Pop-Musik kommt neuerdings aus Österreich. Den Hauptanteil daran haben die Bands Bilderbuch und Wanda, die beide im November im Luxemburger Club Den Atelier auftreten werden. TV-Redakteur Andreas Feichtner hat vorab mit Bilderbuch-Gitarrist Michael Krammer über Netzhemden, Gitarrensoli und Trier-Erinnerungen gesprochen.

Kurzer Rückblick, Juli 2015. Es ist ein fast perfekter Mittwochabend im Trierer Palastgarten, auf der Palästra-Wiese vor den Kaiserthermen. Noch fast 25 Grad, ein paar Wölkchen am Himmel - und vor Augen die schillerndste deutschsprachige Band des Jahres: Bilderbuch liefern den grandiosen Soundtrack, der frühe Höhepunkt des Sound&Vision-Festivals. Total entspannt, tanzbar, gleichzeitig überdreht und extrem unterhaltsam. Warum der Abend nur "fast" perfekt ist, zumindest aus Sicht der Macher? Es sind nur gut 300 Leute da, auf einem Gelände, das locker das Fünffache unterbringen würde. Der Großteil der Trierer ist mit dem heißesten Scheiß noch nicht warmgeworden - oder kennt ihn einfach nicht.

Gitarrist Michael Krammer erinnert sich noch gut an den Mittwoch in Trier. Bilderbuch gibt es zwar inzwischen seit zehn Jahren. Sänger Maurice Ernst hatte die Band mit 15 gegründet, damals als Klosterschüler in der oberösterreichischen Provinz. Aber so richtig durch die Decke ging Bilderbuch erst mit dem dritten Album "Schick Schock". Viele Tausende sahen sie im Juni bei Rock am Ring. Insgesamt rund 100000 waren es sogar beim Benefiz-Open-Air auf dem Wiener Heldenplatz.

Aber auch Trier ist im Gedächtnis geblieben. "Das war unser kleinstes Festival dieses Jahr. Aber es war extrem cool. Es macht total Spaß, vor wenigen Leuten zu spielen. Eigentlich bin ich dann viel nervöser, als wenn wir vor einer ominösen Masse spielen", sagt Krammer: "Wenn du in die Gesichter in der ersten Reihe schaust, musst du auch was bringen." Das Gute an der Band sei, dass es nicht von 0 auf 100 ging. Michael Krammer ist seit sieben Jahren dabei. "Das ist dann besser zu verarbeiten. So schaffen wir es, Rock am Ring zu spielen und kurz danach eben vor 300 Zuschauern in Trier, ohne wahnsinnig zu werden."

Dennoch: Es ist schnell gegangen. Bei der kommenden Tour durch die mittelgroßen Hallen steht fast überall der Zusatz: Ausverkauft! Hochverlegt! Zusatztermin! Für den Auftritt am 27. November im Atelier gibt es aber noch Karten. Bilderbuch begann als klassische Indie-Band. "Franz Ferdinand, Libertines, The Strokes - das haben wir alle gerne gehört. Aber irgendwann wurde uns dieses Korsett zu eng, es war immer die gleiche Leier", sagt der Gitarrist, der als Kind noch andere musikalische Helden hatte: "Ich war ein großer Fan von Slash, beim Gitarreüben. Das erste, was ich gehört habe, war Bon Jovi - meine Vergangenheitsschande." Dass Krammer neulich im durchsichtigen Netzhemd auftrat, wie einst Guns N'Roses-Gitarrist Slash, das "war aber kein bewusstes Zitat".

Nun geht alles, was cool ist, gefiltert und verarbeitet von Krammer, Ernst, Schlagzeuger Philipp Scheibl und Bassist Peter Horazdovsky. Hip Hop, Funk, internationaler Pop, samt überdrehtem und durch Autotune gejagtem Falsett-Gesang, gern auch Gitarren-Soli ("Wir dachten uns: Wenn das sonst keiner mehr macht, müssen wir es halt machen."). Und mit einem Frontmann, der mit blondiertem Haar und Goldkettchen Sachen singt wie: "Sag es laut: Du bist hinter meinem Hintern her", ohne dass man beim bloßen Zuschauen vor lauter Fremdscham in den Kaiserthermen-Katakomben versinken will. Tocotronic sang einst: "Über Sex kann man nur auf Englisch singen." Bilderbuch widerlegen das gut 20 Jahre später.

Ein Album habe großen Anteil daran, dass die Band so international klingt wie derzeit wohl keine andere deutschsprachige Band: "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" von Kanye West. "Das hat unser musikalisches Weltbild über den Haufen geworfen. Scheiße, der verwendet auch Gitarren, aber viel cooler als wir. Wow, der hat auch Drums, aber die klingen viel cooler", beschreibt der Gitarrist. "Wir haben gemerkt: Es geht auch anders. Wir müssen nicht im Proberaum sitzen, um Songs zu schreiben. Wir können auch Drum-Spuren, die wir selbst aufgenommen haben, zerhacken und neu zusammensetzen."Neben Bilderbuch hat in diesem Jahr auch eine weitere österreichische Band für jede Menge Schlagzeilen gesorgt: Wanda - sie spielen drei Tage vor Bilderbuch im Atelier, am 24. November. Ebenfalls mit Frontmann mit großem Ego, Wiener Schmäh und Texten, die so angenehm entfernt vom bitterernsten bundesdeutschen Diskurspop sind.

Michael Krammer will das aber nicht als Konkurrenz verstehen - im Gegenteil: "Wir hatten vor ,Bologna' nie was von der Band gehört, aber ich finde sie super, ich mag die Attitüde. Es ist ja nicht so, als würden wir uns was wegschnappen wollen. Was gut ist für Wanda, ist auch gut für uns."