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"Mein Kartenhaus war in sich zusammengefallen"

"Mein Kartenhaus war in sich zusammengefallen"

BERLIN. Rolf Schübels Bestseller-Verfilmung "Blueprint" war für Schauspielerin Franka Potente eine neue Herausforderung. Der Star aus "Lola rennt" und "Die Bourne-Identität" spielt nicht nur die schwer erkrankte Starpianistin Iris Sellin, sondern auch deren Tochter Siri, den ersten menschlichen Klon.

Sie mussten für "Blueprint" Klavier spielen lernen, zwei Hauptrollen bestreiten und auch noch altern. Hat Sie dieses Arbeitspensum nicht abgeschreckt? Potente: Rollen wie diese gibt es sehr selten. Wenn man zwei Personen spielt, die eine große Schnittmenge, aber auch viele Unterschiede haben, dann macht man eine ziemliche Baustelle auf. Es sind so viele Dinge, an die man denken muss, natürlich ist das sehr anstrengend.Wie sahen die Dreharbeiten für die Doppelrolle in der Praxis aus? Potente: In seltenen Fällen musste ich innerhalb eines Tages die Figuren wechseln. Wir haben versucht, es zu vermeiden, weil der Aufwand in der Maske mit Iris' zunehmendem Alter natürlich immer größer wurde. Wenn man mit Motion Control arbeitet, das heißt, wenn beide gemeinsam zu sehen sind, dann muss man das allerdings am Stück drehen. Wir haben zuletzt in Kanada gedreht, also war Iris eher fertig als Siri. Das fand ich echt gut, weil mir Iris irgendwann auf den Geist gegangen ist. Mit Sicherheit war es die schwierigere Rolle, denn Iris ist künstlicher. Sie stilisiert sich auf eine altmodische Art, dass es nicht zum Aushalten ist.Denkt man über die eigene Vergänglichkeit nach, wenn man eine alte Frau im Spiegel sieht? Potente: Das Wichtigste bei einer solchen Altersmaske ist immer die Beleuchtung. Wenn man in der Maske sitzt, dann ist das Licht so unmöglich, dass es eigentlich eher lustig aussieht. Man merkt es eher an der Reaktion von Leuten. Wenn ich in dieser Altersmaske am Set herumgelaufen bin, hatte ich immer das Gefühl, dass mich kaum einer ansieht. Das war schon krass. Ich habe mich daran erinnert, was Joachim Król über die Dreharbeiten zu "Lola rennt" erzählt hat. Er spielte ja einen Penner und saß am Set ganz dreckig herum. Da sind die Leute von ihm ferngeblieben. Natürlich habe ich über das Altern im Allgemeinen nachgedacht, weil ich mir ja überlegen musste, wie ich mich bewege, ohne zu viel oder zu wenig zu machen. Aber ich habe in Los Angeles, wo mir die Sonne ständig aufs Haupt schien und alle dem Jungsein-Wahn verfallen sind, mehr Gedanken über Falten gemacht als bei diesem Film.Identität ist ein wichtiges Thema des Filmes. Bekommt man als Schauspielerin, die ständig in neue Rollen schlüpft, gelegentlich auch Probleme mit der eigenen Identitätsfindung? Potente: Bei allem, was man spielt, und sei es noch so weit von einem weg, muss immer etwas aus einem selbst kommen. Sonst hätte man ja auch kein Verständnis für die Figur. Es wäre übertrieben zu sagen, dass man wirklich bei jeder Rolle auch etwas über sich herausfindet. Oft ist die Tatsache, dass man drei Monate mit inspirierenden Menschen verbracht hat, der Grund für das Hinzulernen bei einem Film. Die eigene Identität hinterfragt doch jeder. Und ich bin weit davon entfernt zu behaupten, dass man es in unserem Job stärker tut. Das glaube ich nicht. Es kommt häufig darauf an, wie das Leben und die Arbeit sich überlappen. Während der Arbeit an "Blueprint" hatte ich privat so viel Theater. Mein kleines Kartenhaus war mal eben dermaßen in sich zusammengefallen, dass ich an manche Sachen vom Dreh komischerweise gar keine Erinnerung mehr habe. Ich war gerade vom Leben total angestrengt und habe anstrengend gearbeitet. Ich kann mich zwar ganz genau daran erinnern, dass ich morgens um sechs mit einem Kaffee in der Hand über den nassen Rasen in meinem Garten in Münster gegangen bin und mich gefragt habe, wie ich diesen Tag nur überstehen soll. Daran erinnere ich mich besser als an gewisse Dinge am Set.Welche Kartenhäuser sind zusammengestürzt? Potente: Alle. Ich habe mich getrennt. Ich habe über eine Auszeit nachgedacht. Ich habe überlegt, wo ich das tun könnte und habe es nebenbei schon angeleiert. Ich habe meine Wohnung aufgegeben. Man malt sich nicht aus, was an solchen Dingen für ein Rattenschwanz dranhängt und was da an Bewältigung auf einen zukommt. Wenn dann so eine Arbeit wartet wie ein Film mit seiner starren Struktur, dann kollidiert natürlich etwas. Zumal man in dem Job ja mit Emotionen arbeitet. Man muss sich gut im Griff haben, um nicht ständig in Tränen auszubrechen.Kann es dann auch eine Flucht sein, wenn man sich gleich in zwei Rollen stürzt? Potente: Das war ja entschieden, bevor alles losging. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, dann hätte ich es wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt als zuviel empfunden, so etwas Großes anzugehen.Warum lädt ein Regisseur Franka Potente zum Casting ein? Potente: Natürlich gibt es da jedes Mal unterschiedliche Gesichtspunkte. Ich wünsche mir, dass es ein Ergebnis meiner bisherigen Arbeit ist. Vielleicht sieht der Regisseur darin Parallelen zu seinem eigenen Arbeitsstil. So etwas spürt man dann auch, wenn man sich trifft.Iris ist vom persönlichen Ehrgeiz völlig zerfressen. Sind Sie ehrgeizig? Potente: Ja. Aber entspannt ehrgeizig. Es gibt da verschiedene Spielarten. Man kann vom Ehrgeiz zerfressen sein und darüber nichts anderes mehr sehen. Oder man kann entspannt sein. Ich bin vor zehn Jahren irgendwie so in dieses Geschäft gepurzelt und habe mich ganz gut darin zurechtgefunden. Ich weiß, was ich möchte und was nicht. Und ich kann es auch ganz gut artikulieren. Wenn mal etwas nicht klappt, wenn ich eine Rolle nicht kriege, dann bin ich relativ schicksalsergeben. Mein Job ist mir schon wichtig, aber es gibt auch andere Dinge im Leben, die mir wichtig sind.Wie intensiv haben Sie sich mit der Problematik des Klonens auseinandergesetzt? Potente: Politische Aspekte sind immer mit Vorsicht zu behandeln. Auf ein Thema wie dieses kann man keine klare Antwort finden. Der erste moralisch-ethische Reflex ist es immer, "Nein" zu sagen. Es ist widernatürlich, und man sollte es nicht tun. Aber wenn man anfängt, über das Für und Wider zu debattieren und dabei gesundheitliche Aspekte ins Spiel kommen, dann sieht es schon anders aus. Vielleicht kann man Krankheiten dadurch heilen. Ich habe immer versucht, es zu vergessen, es für die Figuren zu übersetzen. Ich kann nicht spielen: "Ich bin ein Klon, ich bin ein Klon!" Es geht um die emotionale Ebene, die sich auftut, wenn man erfährt, dass man ein Klon ist. Es ist für Siri eine so unfassbare Neuigkeit, als wenn dir jemand sagt, dass du nur noch eine Woche zu leben hast. Es führt zu Chaos und Verwirrung.*Das Gespräch führte unser Mitarbeiter André Wesche.jöl/sey