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Mein literarischer Anti(held)

Mein literarischer Anti(held)

Winnetou, Harry Potter oder James Bond - die Literatur hat viele Helden hervorgebracht. Aber: Nicht immer sind es die Hauptfiguren oder die "Guten", die uns in ihren Bann ziehen.

In der Literaturkolumne "Mein literarischer (Anti)Held" schreiben TV-Redakteure über ihre ganz persönlichen Helden und Antihelden. Heute: Morten Schwarzkopf aus Thomas Manns\' "Buddenbrooks". "So blond wie möglich" ist er, Morten Schwarzkopf, die große Liebe von Tony Buddenbrook. Nur der schüchterne Medizinstudent Morten Schwarzkopf konnte ihr Herz wirklich erobern. Und jede Leserin des Meisterwerks von Thomas Mann kann sie verstehen. Morten Schwarzkopf ist zwar eher eine Randfigur des 759 Seiten umfassenden Romans "Buddenbrooks", dafür aber eine sehr anziehende. Er taucht wie eine frische Meeresbrise in Tonys Leben auf und beschert ihr auf 24 Seiten Lebensglück. Tony ist gerade vom hartnäckigen Werben des unappetitlichen Bendix Grünlich deprimiert, verliert ihre Lebensfreude, magert ab. Der Vater verordnet einen Erholungsaufenthalt an der Ostsee, im Haus des ihm gut bekannten Lotsenkommandanten Schwarzkopf. Dort lernt Tony dessen Sohn kennen. "Moor… Mord?", wie hieß der junge Mensch? Egal, er gefällt ihr gleich. Er ist hübsch, zärtlich und beweist einen entschlossenen Charakter. Morten Schwarzkopf bricht mit der Tradition seiner Familie, indem er Medizin studiert und im Vorfeld der Revolution von 1848 die Ideale der Freiheit vertritt. Er ist anders als die Menschen, die Tony bisher kennengelernt hat. Wenn ihr beim Spaziergang mit ihm am Strand Bekannte aus ihrer Heimat begegnen, dann zieht Morten sich zurück - er gehöre nicht dazu, sagt er dann, und bleibt wartend "auf den Steinen sitzen". Vor staatlichen Autoritäten hat er wenig Respekt: Er besitzt ein Skelett, dem er eine Polizeiuniform angezogen hat - "Finden Sie das nicht ausgezeichnet? Aber sagen Sie es um Gottes Willen nicht meinem Vater!" Morten steht für Fortschritt und Freiheit. In den Gesprächen mit Tony vertritt er die liberalen Standpunkte des Bürgertums gegenüber dem Adel. Wie rebellisch und neu sind seine Worte für die naive Tony, wenn er fordert: "Wir, die Bourgeoisie, der dritte Stand, wir wollen, dass nur noch ein Adel des Verdienstes bestehe, wir wollen, dass alle Menschen frei und gleich sind." Deshalb ist er Mitglied einer Burschenschaft an der Universität Göttingen. Tony glaubt er noch "retten" zu können, damit sie nicht als "Madame So und So" in ihrem vornehmen Umfeld verschwinde. Als Morten ihr von dieser angestrebten Freiheit erzählt, berühren sich ihre Hände fast. Kurz sind sie in diesem Traum vereint. Doch es ist nur ein Augenblick, ein Kuss. Jean Buddenbrook, Tonys Vater, fällt auf den Blender Bendix Grünlich herein und setzt ihn als Tonys Ehemann und zukünftiges Familienmitglied durch. Und Morten, Tonys einzige wahre Liebe, bleibt auf den Steinen sitzen. Barbara Cunietti Thomas Mann, "Buddenbrooks. Verfall einer Familie", Fischer Verlag, Taschenbuch, 9,95 Euro.