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Meine Wahrheit, deine Wahrheit

Meine Wahrheit, deine Wahrheit

Total drüber, absurd abwegig. "Abtreibungen wurden sofort verboten, Kinder und Lehrer mussten morgens vor dem Fahneneid öffentlich die Zehn Gebote aufsagen.

Englisch wurde zur einzigen Amtssprache, und wer sie nicht fließend beherrschte, durfte weder Grund noch Immobilien besitzen."
So überspitzt, wie US-Autor Nathan Hill den republikanischen Präsidentschaftskandidaten und bisherigen Gouverneur von Wyoming zeichnet, so schnell wird klar: Hier ist jemand mit sehr viel Fantasie gestartet und nach Erscheinen seines Buches "Geister" von der Wirklichkeit eingeholt worden.
Nun ist diese politische Komponente aber nicht die psychologisch und erzählerisch fesselndste des Buchs. Letztere entspinnt sich vielmehr in der (Nicht-)Beziehung zwischen dem Protagonisten Samuel Anderson (Literaturprofessor und gescheiterter Schriftsteller) und seiner Mutter, die Vater und Sohn vor vielen Jahren verließ. Einfach so, ohne Erklärung.
Ein Jahr lang verschwinden immer mehr Dinge im Haus. Bis auch sie plötzlich nicht mehr da ist. "So war sie weggegangen, unmerklich, langsam, Stück für Stück. Sie reduzierte ihre Existenz, bis sie nur noch sich selbst entfernen musste."
So plötzlich, wie sie ging, ist sie wieder da, und zwar auf allen Kanälen des Landes: "Angriff auf Gouverneur Packer!" Zwei Geschichten holen Anderson ein: die einer tief gespaltenen Gesellschaft und die seiner eigenen Kindheit. Und immer wieder die Frage: Wie lautet die Wahrheit der anderen Seite? Ein beeindruckender und nachklingender Debütroman.
Rebecca Schaal
Nathan Hill: Geister, Verlag Piper, 864 Seiten, ISBN 978-3492057370, 25 Euro.