Meistermann, geh' du voran

Seit Monaten rumort im beschaulichen Wittlich ein heftiger Kulturstreit. Vordergründig geht es um die Frage, ob ein bestimmter Künstler im Meistermann-Museum ausgestellt werden soll. Aber hinter den Kulissen geht es um handfeste Politik, einen ungeklärten Grundsatzstreit und persönliche Animositäten.

 Georg Meistermanns Arbeiten sind in Wittlich auch in der St. Markus-Kirche zu sehen. TV-Foto: Paul Valerius

Georg Meistermanns Arbeiten sind in Wittlich auch in der St. Markus-Kirche zu sehen. TV-Foto: Paul Valerius

Wittlich. Justinus Maria Calleen gehört nicht zu den Stillen im Lande. Er hat klare Vorstellungen, wie die Kultur in seiner Stadt aussehen soll, und er hält damit selten hinterm Berg. Sein Selbst- und Sendungsbewusstsein macht den Leiter des Kulturamtes bisweilen zu einer Provokation in der Eifelstadt. Aber er hat auch mit dafür gesorgt, dass Wittlich ein kulturelles Profil besitzt, wie es keine Kommune vergleichbarer Größe in der Region aufweisen kann.Der Mann mit dem malerischen Namen, qua Job auch zuständig für das Meistermann-Museum, steht nun im Mittelpunkt einer knallharten kommunalpolitischen Kontroverse. Einem Außenstehenden in Kürze zu erklären, worum es geht, ist gar nicht so einfach. Vor acht Jahren holte der damalige Bürgermeister Hagedorn den heute 47-Jährigen nach Wittlich. Viele waren damals stolz, dass ein Meistermann-Verwandter "aufs Land" kam. Doch der bekennende Querkopf stand bald zwei Lagern gegenüber: Den Calleen-Fans, die seine Konsequenz, seine Ideen und seine hohen Qualitäts-Ansprüche schätzten. Und den Calleen-Gegnern, die schon seinen Sprachduktus und seine Körpersprache als Ausdruck von Arroganz empfanden und den Sinn seiner Arbeit in Frage stellten.Der lange schwelende Konflikt brach auf, als die CDU-Stadtratsfraktion im März eine Liste mit einheimischen Künstlern vorlegte, denen das Meistermann-Museum in den kommenden Jahren Ausstellungen widmen sollte. Begründung: Man wolle neben Calleens großen Leuchttürmen auch kleine regionale platzieren.Fraglos ein Abstecher in fremde Hoheitsgewässer. Dass Stadträte über die inhaltliche Grundlinie von Kultureinrichtungen diskutieren, ist ihr gutes Recht - dass sie Programme en detail vorschlagen, gehört nicht zu den üblichen Gepflogenheiten. Das hätte man mit der CDU sicher in Ruhe klären können.Absage an den "Kunsthandwerker"

Statt die angestoßene Debatte auf eine sachliche Ebene zu lenken, lud nun wiederum die Calleen-Fraktion die Gewehre. Aus Hannover meldete sich der Meistermann-Testamentsvollstrecker und Calleen-Onkel Claus Bingemer und verbiss sich in den von der CDU zur Ausstellung vorgeschlagenen Wittlicher Bildhauer Hanns Scherl. Der habe den Nazis nahegestanden, und eine Exposition seiner Werke sei mithin ein "infamer Schlag" gegen das Andenken Meistermanns. Parallel bezweifelten andere, dass der "provinzielle Kunsthandwerker" Scherl - ein durchaus auch außerhalb von Wittlich wahrgenommener Künstler - überhaupt eine Ausstellung auf diesem Niveau verdiene. Aus Wien meldete sich Alfred Hrdlicka persönlich, selbst aus Basel teilten Kultur-Experten den Wittlichern in strengem Ton mit, nun sei es aber Zeit, Schluss zu machen mit dem biederen Provinz-Gehabe und der Dumpfheit der lokalen Kunst. Das wiederum brachte die Gemüter auf der anderen Seite in Wallung. Als wolle man die Vorurteile exakt bestätigten, brach sich eine Art "gesundes Volksempfinden" Bahn. Hasserfüllt wurde Calleen empfohlen, am besten gleich samt dem Meistermann-Museum zu verschwinden und seine ganze "Mao-Kunst" mitzunehmen. Zudem verbat man sich jede Diskussion über die Vergangenheit von Hanns Scherl - obwohl das Thema die Wittlicher schon vor Jahren beschäftigt hat, was seinerzeit immerhin dazu führte, ihn nicht zum Ehrenbürger zu machen. Was freilich eine Auseinandersetzung mit seiner Kunst nicht ausschließt - Grass wird ja auch weiter gelesen.Jedenfalls haben es beiderseitig rationale Argumente schwer, im Pulverdampf nicht unterzugehen. Zumal auch politische Erwägungen eine Rolle spielen. Übernächstes Jahr wird in Wittlich der Bürgermeister gewählt, und das Reizthema Kultur könnte eine Rolle spielen.Formale Rückendeckung für Calleen

Der amtierende Rathauschef Ralf Bußmer gilt nicht gerade als Intimus seines Kulturamtsleiters. Im Wahlkampf 2001 profilierte er sich gar mit Kritik an dessen Kulturarbeit. Nun steht er aber ohne Einschränkung hinter Calleen - zumindest formal. Der Museumsleiter dürfe, so Bußmer, wie ein Theater-Intendant alleine das künstlerische Angebot ausarbeiten, so geböten es das Recht und die Freiheit der Kunst. Offenbar ein Wittlicher Spezifikum, fällt dieser Sektor doch in kleineren Kommunen in der Regel in die Kompetenz des Bürgermeisters. So sieht es auch Bußmer-Vorgänger Hagedorn. Auf TV-Anfrage erklärte er, Calleen sei von ihm einst als normaler Angestellter und somit "Teil der Stadtverwaltung" eingestellt worden. Dem könne ein Bürgermeister zwar Aufgaben delegieren, aber das sei "jederzeit rückholbar" und beschneide "dem Stadtrat weder Kompetenzen noch Einwirkungsmöglichkeiten".Wenn das Kommunalparlament heute abend einen Antrag der Grünen annimmt, über "Inhalte und Aufgaben des Meistermann-Museums" zu debattieren, dürfte für Zündstoff gesorgt sein. Meinung Am Ende nur Verlierer? Mit Ruhm bekleckert hat sich in Wittlich bislang niemand. Weder die Verweser der wahren Hochkultur, die den Bürgern erklären wollen, was Kunst ist und was nur Handwerk. Noch der kulturpolitische Heimatschutz, der nur gelten lassen will, was er auch auf Anhieb versteht und was möglichst von einheimischen Künstlern produziert worden ist, statt von diesen komischen Fremden. Darüber droht verloren zu gehen, worauf es ankommt: Dass die Wittlicher mit dem Meistermann-Museum und mit ihrer lebendigen Kunst- und Kulturszene etwas haben, worum sie viele beneiden. Was übrigens auch dann richtig bleibt, wenn einem die Art, in der Justinus Maria Calleen darauf immer wieder hinweist, auf den Geist geht. Dass man über seine Arbeit streitet, ist nicht provinziell, im Gegenteil. Aber provinziell wäre, sie nicht weiter zu ermöglichen. Im Gegenzug muss auch der Calleen-Fraktion klar sein, dass Kunst, die sich zu weit vom Horizont der Menschen entfernt, unter denen sie stattfindet, ihren Sinn verliert. Und dass, wer einzelne Kunstler ablehnt, zur öffentlichen Begründung verpflichtet ist. Könnte man sich auf dieser Basis verständigen, wäre die Grundlage für die notwendige konstruktive Diskussion in Wittlich vorhanden. d.lintz@volksfreund.de