Melancholische Berliner Seele

Melancholische Berliner Seele

TRIER. Vor einer kleinen, aber höchst erfreuten Fan-Gemeinde gestaltete Sänger-Legende René Kollo, derzeit Gast in "Ariadne auf Naxos", einen ganz persönlichen Abend im Festpielzelt vor den Kaiserthermen. Die Veranstaltung erwies sich in mehrfacher Hinsicht als familiär.

Denn im Mittelpunkt stand die Kollo'sche Familiengeschichte, mit den Komponisten-Vorvätern Walter und Willi. Auszüge aus der eigenen Autobiografie mit Blicken hinter die Opern-Kulissen, aber auch menschliche Impressionen aus dem Gefühlsleben eines Vaters waren ebenso vertreten wie ausgewählte Briefwechsel zwischen Richard Strauss und seinem Textdichter Hugo von Hofmannsthal, die freilich einer einbettenden Erläuterung bedurft hätten. Aber das war an diesem Abend nicht der Fokus. Der zeigte, am Klavier begleitet von Franz Brochhagen, einen René Kollo, wie ihn die knapp 100 Besucher sicher noch nie erlebt hatten: Als eindringlichen, zurückhaltenden, stimmungsvollen Interpreten Alt-Berliner Lieder aus der Feder seines Vaters und seines Großvaters. "Lieber Leierkastenmann", "Das war in Schöneberg", Claire Waldorffs "Zille-Lied": Da gab es einen leisen, fast melancholischen René Kollo zu entdecken, mit viel Gefühl für die Lieder und ihr Zeitkolorit. Das gäbe, wenn denn jemand den Mut hätte, es zu machen, einen wunderbaren Grundstoff für eine Revue, die man um den Sänger herum basteln könnte. Die biografische Lesung wird dem einen oder anderen bekannt vorgekommen sein, einige Passagen hatte Kollo bereits vor zwei Jahren im Rahmen der Festspiele gelesen. Allemal lohnenswert seine mit bisweilen sarkastischem Humor vorgetragenen Anmerkungen zu den "luftgetrockenen Stimmen" im heutigen Opern-Business oder zu den Sünden der Opernhaus-Architektur. Genüsslich zu goutieren die "Verzählches" von Größen des Musikgeschäfts, egal ob Kollo sie (wie Zarah Leander) während seiner Schlagerjahre kennenlernte oder (wie Herbert von Karajan und Leonard Bernstein) als Tenor von Weltgeltung. Ein Herzensanliegen ist ihm offenkundig auch der Kampf gegen zeitgenössisches Regietheater, das ihn selbst mit einem moderat-konservativen Ästhetiker wie August Everding entzweite. Zur Trierer "Ariadne" sagte er nichts. Schade, es hätte einen interessiert.

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