Mensch ...

Ich bin irritiert. Sie werden kritisiert! Ausgerechnet Sie, der Sie doch unsere Lichtgestalt sind.

Unser Kaiser Franz! Ignoranz und Kurzsichtigkeit wirft Ihnen eine Dame von Amnesty International vor. Und das nur, weil Sie gesagt haben, dass das mit den Bauarbeiten für die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar doch alles gar nicht so schlimm ist. "Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Die laufen da frei rum", haben Sie gesagt. Und das hat die Dame von Amnesty Ihnen sehr übelgenommen. Aber was weiß die schon? Schließlich haben Sie, wie Sie weiter in dem Interview gesagt haben, nicht einen einzigen Arbeiter bemerkt, der in Ketten gelegt war. Und Büßerkappen haben die auch nicht getragen. Behaupten Sie. Also, jetzt mal Lichtgestalt hin oder her. Ich frage mich, ob Sie von Ihrem eigenen Licht so sehr geblendet sind, dass Sie manche Dinge nicht mehr erkennen? Ihre Realität mögen gut betuchte Menschen sein, die in wohlklimatisierten Räumen am gekühlten Schampus nippen. Aber, auch wenn es nicht in Ihre kaiserliche Vorstellung passt, es gibt auch eine andere Welt. Aber die ist eben nicht so schön. Und deshalb schaut man da besser gar nicht hin. Vielleicht sollten Sie sich mal außerhalb der blau-weißen Fußballwelt was erklären lassen. Zum Beispiel, dass das mit der Sklaverei heute anders funktioniert. Da werden keine schweren Ketten mehr angelegt. Nein, man nimmt einreisenden Gastarbeitern erst einmal den Pass weg. Und schon sitzen sie in der Falle. Können nicht mehr ausreisen und sich nicht mehr frei bewegen. Und, um irgendwie zu überleben, müssen sie arbeiten. Zu den Bedingungen des Arbeitgebers. Dass schon etliche Arbeiter ihr Leben lassen mussten durch die schlimmen Bedingungen mit Hitze und zu wenig Wasser, das haben Sie irgendwie bei Ihren Besuchen nicht so mitbekommen. 44 Menschen sollen es allein innerhalb von zwei Monaten gewesen sein. Haben Sie nicht bemerkt? Herr Beckenbauer, wenn Sie, wie Sie sagen, oft in Katar unterwegs sind, dann verlassen Sie mal Ihre klimatisierte Luxuslimousine, gehen Sie auf die Baustellen, reden Sie mit Arbeitern und lassen Sie sich die Unterkünfte zeigen. Vielleicht verstehen Sie dann, dass es noch eine andere Realität gibt als Ihre eigene. Nora John