Mensch-Maschine mit Heimatgefühlen

Düsseldorf · Ein seltenes Heimspiel der weltweit wohl einflussreichsten deutschen Band: Kraftwerk gab zum Tour-de-France-Start ein großartiges Konzert vor 15 000 Fans im Düsseldorfer Ehrenhof.

 Vier Männer am Pult im hautengen Ganzkörperanzug (links: Kraftwerk-Boss Ralf Hütter) vor einer riesigen 3D-Leinwand, mit viel Bass und reichlich Klassikern: 15 000 Zuschauer erlebten in der Heimatstadt von Kraftwerk zum Start der Tour de France einen ganz besonderen Konzertabend. Fotos (2): dpa

Vier Männer am Pult im hautengen Ganzkörperanzug (links: Kraftwerk-Boss Ralf Hütter) vor einer riesigen 3D-Leinwand, mit viel Bass und reichlich Klassikern: 15 000 Zuschauer erlebten in der Heimatstadt von Kraftwerk zum Start der Tour de France einen ganz besonderen Konzertabend. Fotos (2): dpa

Foto: David Young (dpa)

Düsseldorf Über der Bühne lachte der halb volle Mond, als Kraftwerk das Stück "Tour de France" aus dem Jahr 1983 begann. Und weil das ein besonderer Abend war, drehten sie die Bässe auf, damit man das Lied fühlen konnte. "Tour de France" ist ja das menschlichste Lied von Kraftwerk, man hört ein Stöhnen, man hört einen Körper schwitzen, so etwas gibt es sonst nicht im Werk der Sound-Ingenieure, deren Ziel es ist, allen Klang bis auf die Essenz herunterzukühlen. Sie bearbeiteten das Stück, sie feierten die Dynamik des Pelotons, das Drängeln und Ausreißen, und dann zeigten sie den Fahrer Tony Martin auf den drei großen Leinwänden, und sie zeigten sein Rad. "Canyon Speedmax CF SLX" heißt es, schwarz mit weißer Linie, sehr cool, Kraftwerk-Kopf Ralf Hütter hat es entworfen. Radfahren helfe beim Musikmachen, weil es nur eine Richtung kenne, hat Hütter mal gesagt: vorwärts.
Kraftwerk trat Open Air im Ehrenhof auf, in der Nähe von Rhein und Altstadt, 15 000 Fans hat der Veranstalter gezählt (das Konzert war innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft). Und tatsächlich wurde es ein großer Abend. Die Gruppe begann mit "Nummern" und schickte "Computerwelt" hinterher, den einzigen Pophit, in dem das Wort "Eigenheim" vorkommt. Kraftwerk in Düsseldorf, das ist wie die Beatles in Liverpool, man spürte, dass die Mensch-Maschine Heimatgefühle hatte. Bei dem Stück "Spacelab" zeigten Kraftwerk die Welt von oben, Düsseldorf markierten sie mit einer Ortsnadel. Dann zoomten sie hinein und ließen ein Raumschiff vor der Tonhalle landen. Alles in 3D, und wer ins Auditorium blickte, sah eine Szenerie wie aus einem Science-Fiction-Film von früher: so viele Menschen mit 3D-Brillen. Man stand dicht gepackt, viele trugen Radfahrer-Mützen, manche hatten die typischen Handschuhe ohne Finger angezogen; das sah man, wenn sie das Handy hochhielten, um zu fotografieren. Einige erschienen in rotem Hemd mit schwarzer Krawatte, der signature Look von Kraftwerk, zu bewundern auf dem Cover der LP "Mensch-Maschine".
Kraftwerk spielten ein Best-of-Programm, und für den Bass bei "Autobahn" und "Radioaktivität" gab es Szenenapplaus, weil er so unerbittlich gegen die Brust drückte, dass man schnaufen musste. Bei "Autobahn" ging einem auf, dass Kraftwerk romantische Lyriker sind: "Die Fahrbahn ist ein graues Band / Weiße Streifen, grüner Rand", sang Hütter mit der Stimme eines Schwärmers. Und als die Sonne untergegangen war, ließ sich Kraftwerk von Maschinen vertreten: Roboter mit den Konterfeis der vier Bandmitglieder brachten das Stück "Wir sind die Roboter". Kraftwerk gucken heißt, die Zukunft zu sehen. "Es wird immer weitergehen / Musik als Träger von Ideen" lautete der letzte Satz, bevor nach rund zwei Stunden das Licht anging. Die Fans nahmen die 3D-Brillen ab, deren scharfe Kanten bei vielen einen roten Streifen an der Nasenwurzel hinterließen. Es war das Erkennungszeichen der Eingeweihten.
Extra: KRAFTWERK - DIE ELEKTRO-PIONIERE


Kraftwerk, 1969 von Ralf Hütter und Florian Schneider gegründet, gilt im Ausland als die mit Abstand bedeutendste deutsche Band, auch wenn das in Deutschland kaum gewürdigt wird. Der New Musical Express bezeichnete Kraftwerk als "wichtigste Band der (Pop-)Musikgeschichte neben den Beatles". Zweifellos haben die interviewscheuen Düsseldorfer um Band-Chef Hütter (Schneider ist seit 2008 nicht mehr dabei) die Entwicklung der Musik von Elektropop über Hip Hop bis Techno massiv beeinflusst. Das aktuellste Kraftwerk-Album, "Tour de France Soundtracks", ist zwar 14 Jahre alt - wirkt aber live immer noch frisch. (AF)

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