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Mensch... Ole von Beust!

Mensch... Ole von Beust!

Sie also jetzt auch. Man traut sich ja morgens kaum mehr, die Zeitung aufzuschlagen: Immer, wenn man reinschaut, ist schon wieder ein Politiker weg. Da ist man ja schon fast erleichtert, dass wir hier in Rheinland-Pfalz einen Ministerpräsidenten haben, der wahrscheinlich in zwanzig Jahren den Rollator durch die Staatskanzlei schieben wird, nachdem er alle potenziellen Nachfolger in den Ruhestand verabschiedet hat.



Prinzipiell finde ich das ja ganz gut, wenn Politiker nicht jahrzehntelang am gleichen Posten kleben. Es gibt ja genug politische Funktionen, dass man auch mal wechseln kann. Aber was wir im Moment bei Ihnen und Ihren Kollegen beobachten, ist ja eher einer Art Politikflucht. Koch, Rüttgers, Beust, Merz in der CDU, bei der SPD der Bremer Supersenator Nagel und der Berliner Sarrazin, bei den Grünen der Hoffnungsträger Berninger und der erfahrene Rezzo Schlauch: Alle bekundeten unisono, nach vielen Jahren in der Politik "endlich mal was anderes" machen zu wollen. Natürlich in der Wirtschaft, es soll sich schließlich rentieren.

So kennen wir Normalsterblichen das ja auch. Der Briefträger und der Journalist, der Metzgermeister, der Architekt und die Verkäuferin: Wenn wir so mit Mitte 50 drei Jahrzehnte lang den gleichen Job gemacht haben, dann wäre es doch geradezu unverschämt, von uns zu erwarten, dass wir unsere Arbeit bis zum Rentenalter klaglos weiter tun. Ein bisschen Selbstverwirklichung darf ja wohl mal sein.

Zu dumm nur, dass ich den Verdacht nicht loswerde, dass es bei all den Rücktritten um was ganz anderes geht. Kann es sein, lieber Herr von Beust, dass Ihnen und Ihren Kollegen die Aufgabe einfach zu nervig geworden ist? Jahrelang bestand Politik in Deutschland darin, Zuwächse zu verteilen. Lobby-Wünsche zu erfüllen. Die eigene Klientel zu bedienen. Und jetzt: nix mehr da zum Verteilen. Keine Chance, sich beliebt zu machen. Stattdessen bräuchte man Leute, die Nein sagen können. Leistungen einsammeln. Sich unbeliebt machen. Keine Luftschlösser bauen - oder Elbphilharmonien.

Wäre es möglich, dass viele Politiker keine Lust haben, den Knochenjob des Sanierers zu machen? Ich könnte es ja verstehen. Schließlich müssen Sie den gleichen Leuten wehtun, von denen Sie wiedergewählt werden wollen. Das ist, als ob in einem Unternehmen der Chefsanierer gleichzeitig Betriebsratsvorsitzender wäre.

Aber andererseits: Auch bei Normalos besteht das Berufsleben bisweilen aus Dürreperioden. Da heißt es durchhalten. Und sorgsam mit den Vorräten umgehen. Dieter Lintz