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Mensch... Wolfgang Schäuble!

Mensch... Wolfgang Schäuble!

Wenn mir vor, sagen wir, zehn Jahren jemand vorausgesagt hätte, dass Sie für mich mal zum politischen Hoffnungsträger werden, dann wäre ich in hysterisches Gelächter ausgebrochen. So lange ich denken kann, habe ich Sie als stockkonservativen, überpatriotischen, Staatsinteressen vor individuelle Freiheit setzenden Politiker empfunden, persönlich geprägt von dickschädeliger Sturheit und dem Talent, sich in alle Nesseln zu setzen.



Komischerweise sind es aber exakt die letztgenannten menschlichen Eigenschaften, auf die sich meine Hoffnung gründet, dass Sie als Schuldenminister, pardon, noch heißt es ja Finanzminister, den Wahnsinn Ihrer Politiker-Kollegen wenigstens ein bisschen abbremsen. Die verteilen nämlich weiterhin mit vollen Händen, was längst nicht mehr da ist.

Fast alle finanziell relevanten Maßnahmen der Koalitionsvereinbarung bringen mehr Ausgaben mit sich, so gut wie keine bringen zusätzliche Einnahmen. Aber man muss doch nicht, wie Sie, gelernter Finanzbeamter sein, um zu kapieren, dass man zwar schon mal auf Kredit rentabel investieren darf, aber schwerlich dauerhaft seinen elementaren Lebensunterhalt auf Pump finanzieren kann.

Wie sagen Sie dieser Tage so gern mit einem Bild aus der Schifffahrt: "Wir fahren auf Sicht". Das ist kein Problem, so lange der Kopf und die Luft klar sind. Aber wenn in beidem dichter Nebel herrscht, sollte man ohne verlässliches Radar lieber den Anker werfen. Und die kollektive rot-gelb-grün-schwarze Weigerung, die finanziellen Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, lässt sich - ebenso wie der Aufschrei aller Interessengruppen bei jedem ernsthaften Sparversuch - nur noch mit dem Zustand der chronischen Benebeltheit erklären.

Und damit sind wir wieder bei Ihnen, Herr Schäuble. Diesem Problem kann nur jemand zu Leibe rücken, der erstens nicht beliebt sein will, zweitens nichts mehr werden muss und drittens die Sturheit eines jener Panzer besitzt, die Sie als Innenminister auch gerne mit der Bundeswehr im Inland eingesetzt hätten.

Mit anderen Worten: Sie sind die ideale Besetzung.

Dieter Lintz