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Mensch... Wolfgang Thierse!

Mensch... Wolfgang Thierse!

Das war ja vielleicht eine Überraschung! Ich wusste gar nicht, dass Sie noch da sind, so ruhig ist es um Sie geworden. "Lebt denn der alte Ost-Michel noch?", fragten sich immer mehr Beobachter der Szene.

Seit Monaten hatten sie keinen Alt-Bundeskanzler beleidigt, keinen Richter beschimpft, nicht einmal den Papst kritisiert. Man musste schon annehmen, der Alm öhi der SPD sei unversehens auf dem Altenteil gelandet.

Und dann haben Sie am 1. Mai ordentlich dazwischengerufen: "Ja, er lebt noch." Und damit es jeder sieht, haben Sie sich gleich mal zu Heidi und Geißen-Peter auf die Straße gesetzt. Zum Glück kamen ein paar fürsorgliche Polizisten vorbei, die aufgrund ihrer guten Ausbildung wussten, dass das längere Sitzen auf kaltem Asphalt bei älteren Herren schnell auf die Hämorrhoiden schlagen kann. Die haben Sie dann freundlich auf den Bürgersteig geführt, bevor größerer Schaden entstand.

Unglückseligerweise geriet die ganze Chose dann in die Mühlen der Politik. Sie selbst bestanden darauf, mit dem Hinsetzen nur Ihre staatsbürgerliche Pflicht erfüllt zu haben - was im logischen Umkehrschluss heißt, dass alle, die sich gesetzestreu auf zwei Beinen bewegten, ihre staatsbürgerliche Pflicht vernachlässigt haben. Eine zumindest, sagen wir, unkonventionelle Haltung für den zweithöchsten Repräsentanten der Gesetzgebung in diesem unserem Lande. Prompt entlarvte Sie CDU-Ministerin Schröder als Schädling der Demokratie, ein profilneurotischer Polizei-Splittergewerkschafter forderte Ihren Rücktritt, woraufhin Sie von Jusos zum "Vater Courage" ausgerufen und mit den Worten "Wir sind Thierse" geehrt wurden.

Und jetzt diskutieren hochbestallte Leitartikler über Widerstandsrecht und Legitimitäts prinzip, Google News zählt über 1000 Nachrichtenartikel. Was wären andere Länder so froh, wenn sie unsere Probleme hätten. Dieter Lintz