Menschliche Abgründe

Menschliche Abgründe

MERZIG. Das risikofreudigste und spannendste Musiktheater im Dreiländereck gibt's jenseits der großen Häuser. Das beweist einmal mehr die ungewöhnliche, packende und stimmige Interpretation von Webers "Der Freischütz" im Merziger Opernzelt.

Daran muss man sich erstmal gewöhnen. Der Wald: ein Konglomerat zerfetzter Bäume, von stacheldrahtbewehrten Zäunen durchzogen. Die Jäger: eine paramilitärische Truppe, die die Bevölkerung klein hält. Die Bauern: ein feindseliger, misstrauischer Haufen, zwischen Angst und Trotz schwankend. Das hat wenig zu tun mit dem plüschigen Operetten-Freischütz im kuschligen Grün, wie man ihn von früher kennt. Aber es hat viel zu tun mit Carl-Maria von Weber, mit seiner Musik, mit den Charakteren und Stimmungen, die sie beschreibt.Konfliktbeladene Nachkriegsgesellschaft

Der Komponist hat seine Oper am Ende des dreißigjährigen Krieges angesiedelt, in einer verrohten, abergläubischen, konfliktbeladenen Gesellschaft. Regisseur Thilo Reinhardt holt sie in die Gegenwart, aber nicht mit beliebigen Mätzchen, sondern eng entlang von Webers Intentionen. Die Kostüme von Markus Maas deuten Richtung Balkan, Bosnien vielleicht, nachdem die Kriegsmaschine jahrelang dort hindurchgetobt ist. Punktgenau führt die Handlung schon während der Ouvertüre zu dem Konflikt zwischen der bäuerlichen Bevölkerung und der verhassten Jäger-Aufsehertruppe. Dankbar ergreift das Volk die Gelegenheit, den Jäger Max zu verspotten, dem die Fähigkeit zum sicheren Schuss abhanden gekommen ist. Männer-Rituale, Potenzgehabe - nach Schwof ist hier keinem zumute, die Tanzklänge versanden. Genau, wie es Weber komponiert hat. Klar konturiert die Personen, allesamt schwer kriegsversehrt: Der mutlose Freischütz Max (Peter Bernhard singt ihn respektabel, lässt sich aber stimmlich zu sehr von der Weichei-Rolle anstecken), sein diktatorischer Schwiegervater-in-spe, der einarmige Erbförster Kuno (Assaf Levitin), die von Ängsten traumatisierte Agathe (schöne Piani, faszinierendes Timbre, leicht störender Akzent beim Singen: Jana Havranova). Agathes Freundin Ännchen wird zur Glanzpartie für Bianca Schatte, ein modernes Mädchen, das sich amüsiert über Mummenschanz und Klischees, zwischendurch auch schon mal eine SMS verschickt und den ironisch kommentierenden Part übernimmt. Bisweilen geht es sarkastisch zu. Fürst Ottokar ist ein aalglatter Politiker samt Bodyguards, der berühmte Jägerchor gerät zur Persiflage, wenn ihn der gut aufgelegte und vor allem darstellerisch sehr präsente Trierer Theaterchor intoniert, als wolle der MGV Bliesransbach den saarländischen Ministerpräsidenten begrüßen - der übrigens grinsend im Publikum sitzt. Manchmal schießt die Regie übers Ziel hinaus, und nicht alle Fäden finden sich am Ende zu einem Knoten zusammen. Aber Einwände verblassen vor der konzeptionellen Kühnheit, dem Ideenreichtum und der - bei aller Verfremdung - Klarheit und Stringenz der Erzählweise. Bestechend die Idee, den "bösen" Jägerburschen Kaspar und seinen teuflischen Herrn Samiel zu einer Figur zu verschmelzen. Wie weiland Norman Bates' Mutter in Hitchcocks "Psycho" ist Samiel eine Kopfgeburt des schizophrenen Kaspar, der nicht damit fertig geworden ist, dass nicht er, sondern Max Agathe heiraten und die Försterei erben soll.Die schlimmste Hölle ist im eigenen Kopf

Wie Nico Wouterse sich diese Rolle aneignet, ist der gefeierte Höhepunkt des Abends. Schillernd, dämonisch, kraftvoll treibt er die Handlung voran, wird Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, entwickelt stimmlich inzwischen viel mehr Kraft und Glanz als in seinen Trierer Jahren - auch wenn eine Spur mehr Sonorität in den tiefen Lagen nicht schaden könnte. Die Aufführung kulminiert in der Wolfsschlucht-Szene, wo die exzellent aufspielenden Trierer Philharmoniker den dichten Klangteppich legen für ein Horror-Panoptikum (Bühne: Paul Zoller), in dem sich Kriegsgräuel verbinden mit der schlimmsten Hölle - jener im Kopf von Max. Bei Dirigent Koen Schoots stimmt von Anfang an der Zugriff, bleiben die auseinander driftenden Kräfte fest in einer Hand, wird Webers Oper entstaubt, ohne dass sie ihren romantischen Charakter verliert. Vorzügliches Handwerk. Am Ende setzt die Regie einen versöhnlichen Akzent. Nicht der Eremit verfügt die Gnade für Max, sondern einer aus dem Volk, das offenbar genug hat vom Strafen und Morden. Ein letzter Theatercoup. Das Publikum applaudiert anhaltend, manche enthusiastisch, andere irritiert. Man muss sich eben an manches erst gewöhnen. Vorstellungen am 1., 2., 3., 6., 8., 9. und 10. September. Karten: 0681/992680.

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