Menschlicher Größenwahn und spinnige Konzerte

(dpa/aheu) Über den "Jahrhundertbau", das "Klangwunder", "das Millionengrab", die Elbphilharmonie in Hamburg, sprechen alle in Superlativen und salbungsvollen Worten. "Menschen brauchen Projekte, die über das Alltägliche hinausgehen .

.. Epochale Bauwerke verursachen epochale Kosten ... 800 Millionen Euro und kein Geld für die Fußbodenheizung?": Eine angenehme Frauenstimme liest "Kommentare zur Elbphilharmonie II", abgespielt auf einem Plattenspieler in der "Kanalphilharmonie", einer riesigen begehbaren Skulptur aus Sperrholz der Hamburger Künstlergruppe Baltic Raw. "Alle Außengeräusche, die bei der Elbphilharmonie für viel Geld draußen bleiben sollen, haben wir in unser Kunstwerk geholt", erklärt Künstlerin Móka Farkas. Außerdem können die Besucher an einem Spiel teilnehmen und testen, ob der Bau der Elbphilharmonie unter ihrer Regie besser funktioniert hätte.Unter dem Titel "Elbphilharmonie Revisited" zeigen die Hamburger Deichtorhallen nun eine Ausstellung mit Werken von zwölf Künstlern, die sich mit dem neuen Konzerthaus im Hafen auseinandergesetzt haben. "Die Arbeiten reflektieren nicht nur die spektakuläre Architektur des Hauses, sondern auch die Baugeschichte und die Musik an sich", sagte der Intendant der Elbphilharmonie, Christoph Lieben-Seutter. Neben Fotografien von Candida Höfer, Videofilmen und Skulpturen sind auch einige Architekturmodelle der "Gläsernen Welle" der Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron zu sehen. Der belgische Künstler Peter Buggenhout hat eine riesige Skulptur aus Sperrholz und Stahlträgern geschaffen, die in der Luft zu schweben scheint und an den Turmbau zu Babel erinnern soll. Die Bibelgeschichte gilt noch immer als Symbol menschlichen Größenwahns. Der in New York lebende englische Künstler Liam Gillick hat einen Konzertflügel geschaffen, der automatisch die Musik von Igor Strawinskys "Petruschka" spielt - während Aschepartikel auf den schwarz glänzenden Deckel des Instruments fallen. Das Kunstwerk soll an die Gemeinsamkeit zwischen Elbphilharmonie und Klavier erinnern: Erst die Musik füllt sowohl das Instrument als auch den Konzertraum und ermöglicht dadurch den Zugang zu einer anderen Welt. Nichts für Menschen mit Spinnenphobie ist die begehbare Skulptur des in Berlin lebenden argentinischen Künstlers Tomás Saraceno. In einem abgedunkelten Raum spinnt eine afrikanische Seidenspinne ihr gewaltiges Netz - gebannt von Licht und stetig gefüttert. Ihre Bewegungen werden von Mikrofonen aufgezeichnet und in Geräusche übersetzt, die im Raum wiederum Vibrationen erzeugen und dabei die Staubteilchen in der Luft aufwirbeln - die Spinne baut quasi Musik. "Nichts kommt der Architektur der Elbphilharmonie so nahe wie das Spinnennetz", stellte Deichtorhallen-Intendant und Kurator Dirk Luckow anerkennend fest. Tomás Saraceno widmet das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen gleich eine ganze Ausstellung. Im Mittelpunkt der Schau "Ein fliegendes Museum" steht ein Ballon aus Tausenden gebrauchten Plastiktüten. Die bunte Hülle, die allein durch Sonnenwärme Auftrieb erhält, steht für die jüngste Vision des 43-Jährigen: Er plant nach Museumsangaben für ein Zeitalter der Luft ("Aerocene") und arbeitet an verschiedenen Skulpturen, die nur mit der Kraft der Thermik um die Welt fliegen können - ohne Motor, fossile Brennstoffe und Solarzellen. Saraceno gehe es auch darum, dass aus unnützen und nur wenige Zeit gebrauchten Dingen wie Plastiktüten etwas Dauerhaftes entstehe, sagte Museumsdirektor René Zechlin über die Hülle mit dem Titel "Museo Aero Solar", die mittels eingeblasener Luft in Form gehalten wird. Sie entstand, indem an verschiedenen Stationen immer wieder neue Tüten und Folien mittels Klebeband "eingebaut" wurden, einige davon individuell bemalt. "Es ist ein fliegendes Museum", sagte Saraceno, "jeder kann daran teilhaben". In Ludwigshafen soll eine neue Hülle entstehen, für die viele gebrauchte Tüten erbeten werden. So bekommt das Ephemere, das Flüchtige, eine zukunftsweisende Dimension. Unterm Strich - Die Kulturwoche