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Mischna aus Trier kommt aus der Druckerei von Tuvia Foà aus Sabbioneta

Jüdische Geschichte : Seltener als eine Gutenbergbibel

Gedruckt in der Lombardei, gerettet vor den Flammen der Inquisition und der Statdtbibliothek Ende des 19. Jahrhunderts geschenkt: Die Trierer Mischna.

Wer Johannes Gutenberg (circa 1400-1468) war, weiß jeder! Aber wer war Tuvia (Tobias) Foà? Und was hat er gemeinsam mit dem Erfinder beweglicher Buchlettern aus Mainz? Und wie kommt eines seiner Werke in den Besitz der Stadt Trier? Die Antworten hierzu kennt der jüngste Podcast der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier.

Aber – wie bei jeder guten Geschichte – muss man genau hinschauen, um die Bedeutung der von dem Drucker Foà gedruckten Mischna für die Sammlung des Stadtarchivs Trier zu sehen. Aber was ist die „Mischna“? Das Werk aus der rabbinischen Zeit – also der Zeit nach der Zerstörung des Salomonischen Tempels in Jerusalem – ist der erste Teil des Talmud und damit eine der bedeutendsten Schriften des Judentums. Sie ist quasi der „Gesetzeskodex“. Zugleich ist sie auch die wichtigste Sammlung religionsgesetzlicher Überlieferungen.

Die Trierer Mischna ist 1561 gedruckt worden, und zwar in Mantua und wohl auch zum Teil in Sabbioneta. Beides sind Orte in der Lombardei, in denen es im 16. Jahrhundert nachweisbar jüdische Buchdruckereien – sogenannte Offizinen – gab. In einer solchen Druckerei wurde auch die Trierer Mischna gedruckt, die aktuell in der Ausstellung „Jüdisch? Trierisch! – Stadtgeschichten“ in der Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadt Trier im Weberbach zu sehen ist (siehe Info). In die Sammlung der Stadt Trier gelangte die Mischna, weil der jüdische Lehrer Isaak Levy im Jahr 1883 seine gesamte Bibliothek der Stadtbibliothek in Trier gestiftet hat.

Dass dieses Werk gedruckt werden konnte und erhalten geblieben ist, gleicht einem Wunder. Die Existenz der jüdischen Buchdruckereien war im 15. und 16. Jahrhundert durch ständige antisemitische Verfolgungen bedroht. Die Druckerei von Tobias Foà in Sabbioneta zählt den 20 ältesten Druckerein, die jüdische Bücher druckten. Sabbioneta wurde zwischen 1554 und 1571 von Vespasiano Gonzaga (1531-1591) gegründet. Der Adlige erlaubte auch Juden, sich in der neuen Residenzstadt anzusiedeln. Viele Juden, die im Kirchenstaat diskriminiert wurden, flüchteten dorthin. Schon vor der Gründung der Stadt dort Tuvia (Tobias) Foà dort mit der Erlaubnis von Vespasiano Gonzaga um 1551 eine hebräische Buchdruckerei errichtet.

In der Druckerei arbeitete auch der aus einer deutschen Familie stammende und in Venedig ausgebildete Drucker Cornelius Adelkind. Er verließ die Lagunenstadt Venedig im Jahr 1553, nachdem Papst Paul IV. die Konfiszierung und Verbrennung jüdischer Schriften angeordnet hat. Betroffen waren neben Venedig, einem der wichtigsten Zentren des hebräischen Buchdrucks in Italien, viele weitere Städte wie Rom, Bologna oder Padua. Die Offizine wurden geschlossen und die hebräischen Handschriften und Druckerzeugnisse vernichtet. Es gab Bücherverbrennungen, bei denen der Talmud und andere verbotene Werke dem Feuer zum Opfer fielen. „Viele in Italien entstandene Frühdrucke sind den Flammen zum Opfer gefallen, weswegen die Anzahl der bis heute erhaltenen Bücher so gering ist“, weiß Magdalena Palica, die die aktuelle Ausstellung des Stadtarchivs kuratiert hat. In nur wenigen Städten durften die hebräischen Buchdrucker nach 1553 tätig sein, etwa in Sabbioneta.

„Die Druckerei war ein interkulturelles Projekt, eine Insel der Freiheit in Italien unter der Macht der Inquisition“ sagt Stefano Patuzzi, ein ausgewiesener Kenner der Buchdruckerei Foà aus Sabbioneta. „Jüdische Denker und Handwerker kämpften für den Erhalt des jüdischen Kulturerbes – unterstützt durch christliche Buchdruckexperten.“

Wie stolz Foà auf sein Unternehmen war, zeigt das Druckereiabzeichen, das aus einer mit dem Davidstern gekrönten Palme zwischen zwei Löwen besteht. Es gilt als eine der frühesten Nutzungen dieses Symbols als Druckermarke. Die Druckerei fertigte die heiligen Schriften des Judentums wie Thora oder Mischna. Aber auch Bücher bekannter jüdischer Denker wie Maimonides (circa 1135-1204) oder Joseph ha-Kohen (1496-1577) sind in Sabbioneta entstanden. Für die wohlhabenden Auftraggeber druckte Tobias Foà sogar Ausgaben auf Pergament.

Um 1554 stirbt Tobias Foà. Das Unternehmen übernehmen seine Söhne Eliezer und Mordecai. Schon bald ist aber auch diese Druckerei der Inquisition ein Dorn im Auge. Der Talmud steht ab 1559 auf den Index, dem Verzeichnis der verbotenen Bücher. 1559 kommt es in dem nahe gelegenen Cremona wieder zu Bücherverbrennungen. Weil Sabbioneta zur Diözese Cremona gehört, könnte dies der Grund sein, dass die Werkstatt seither nicht mehr produzieren durfte.

Ob eventuell Teile der 1561 aufgelegten Trierer Mischna in Sabbioneta gedruckt wurden, ist unklar. Als Druckort ist auf der Titelseite jedenfalls Mantua angegeben. Jacob Ha-Cohen nahm wohl einen Teil der Setzkästen und Typen aus Sabbioneta mit und veröffentlichte in Mantua die Ausgabe der Mischna.

Die reich dekorierte Titelseite mit dem nach Renaissance-Geschmack gestalteten architektonischen Rahmen ist sehr ungewöhnlich für jüdische Drucke. Auf der Titelseite des ersten Bandes sind die römischen Gottheiten Mars und Minerva zu sehen. Dieser Stich wurde mehrmals in Foàs Werkstatt verwendet. Dreißig Jahre vorher schmückten sie schon über 20 Titelseiten aus der Druckerei von Francesco Minizio Calvo, einem christlichen Drucker in Rom und Mailand. Mars und Minerva, die inhaltlich nicht zu den jüdischen Titeln passen, wurden wahrscheinlich aus finanziellen und zeitlichen Gründen benutzt.

Die in der Druckerei von Tobias Foà gedruckten Werke sind laut Palica sehr selten. In deutschen Bibliotheken gebe es nur wenige Exemplare; etwa in der Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen und in der Universitätsbibliothek in Frankfurt. Die Exemplare aus der Stadtbibliothek in Berlin sind im Krieg zerstört worden.

Die Trierer Mischna ist ein Schatz der jüdischen Kulturgeschichte. Der Stadtbibliothek Trier schenkte sie der Lehrer Isaac Levy, der 1805 in Trier geboren wurde. Nach dem Besuch des jüdischen Lehrerseminars in Köln war er zwischen 1837 und 1877 in Trier als Lehrer tätig.

Wie das Buch von Mantua nach Trier kam, ist nicht bekannt. Auch lässt sich nicht feststellen, wer das wertvolle Buch neben dem Besitzer studiert haben könnte. Immerhin war das Werk schon im 19. Jahrhundert so berühmt, dass zwei Oberrabbiner aus Trier, Moses Samuel Zuckermandel und dessen Nachfolger Dr. Jakob Baßfreund, Beiträge über diese Mischna verfasst haben.

Palica fasst zusammen: „Die Mischna aus der Druckerei Foà ist eine Besonderheit und seltener als die Gutenbergbibel. Sie steht stellvertretend für das jüdische Kulturerbe, das trotz der Verfolgungen und Büchervernichtungen immer noch in den öffentlichen Sammlungen Deutschlands vorhanden ist.“ Das Buch, über die Jahrhunderte geschützt und durch Generationen weitergegeben, sei ein kostbares Meisterwerk der frühen jüdischen Buchdruckkunst und Bestandteil des kulturellen Erbes des Stadt Trier.