Mit Alice im Wunderland

Mit Alice im Wunderland

TRIER. Henkersknechte, eine Enthauptung, meisterhafte Gitarren-Soli und die Wiederbelebung des klassischen Hard Rock – damit kann man schon mal einen Abend verbringen. Der historische Doppelpack Alice Cooper und Deep Purple ließ Hallenwände und Trommelfelle in der Arena beben. Mehr als 5500 Begeisterte feierten die Altmeister.

Alice Cooper. Die dämonische Fratze im Höllenfeuer der Scheinwerfer, der Mann, vor dem die beiden skurrilen Gestalten in "Wayne's World" niederknieten und riefen "Wir sind unwürdig". Er war der erste, der Hard Rock und Horror auf der Bühne zusammenbrachte und damit weltweit eine fanatische Fan-Meute überzeugte. Kiss, Ozzy Osbourne und, man lebt ja nicht nur in der Vergangenheit, Marylin Manson wurden von Alice Cooper maßgeblich beeinflusst.Zwangsjacke und Enthauptung

Was Cooper auf der Bühne anstellt, lässt die Rocky Horror Picture Show harmlos erscheinen. Er wird von einer Domina ausgepeitscht, geht mit einem Dolch auf die in "Nurse Rozetta" besungene Krankenschwester los, wird von zwei Henkersknechten am Mord gehindert, in eine Zwangsjacke gesteckt und schließlich auf einer Guillotine enthauptet - um im weißen Frack wieder aufzuerstehen und seine größten Erfolge "Poison" (1989) und das unvermeidliche "School's Out" (1972) ins Publikum zu hämmern. Die Damenrollen auf der Bühne, darunter auch eine Britney-Spears-Parodie, übernimmt übrigens Coopers sehr ansehnliche Tochter Calico, die nach der Nummer mit der Guillotine dem Publikum stolz Papas Kopf präsentiert. Deep Purple sind, das ist die eher schlechte Nachricht, ein Anachronismus. Die Band bildete zusammen mit Led Zeppelin und Black Sabbath das Ur-Väter-Trio des Hard Rock, doch das war 1968. Es fällt einigermaßen schwer, der Hip-Hop-Generation die Faszination minutenlanger virtuoser Gitarrensoli näher zu bringen. Die gute Nachricht: Die Zeiten mögen sich ändern, aber was in den 70ern und 80ern das Maß aller Dinge im Rock war, ist heute nicht automatisch schlecht. Im Gegenteil. Musikalische Virtuosität mag im Dieter-Bohlen-Zeitalter keine oberste Priorität mehr haben, doch faszinierend ist sie immer noch. Das stellten Deep Purple nachdrücklich unter Beweis. Was Steve Morse mit seiner Gitarre machte, stellt die meisten aktuellen Chartplatzierungen in den Schatten. Ian Gillan profitierte von der Sympathie, die eine weltweite Fangemeinde dem alten Herrn entgegenbringt. Stücke wie "Wrong Man", die Geschichte eines unschuldig Verurteilten, und das neue "Rapture of the Deep" kamen überzeugend, auch wenn der auf das Gebrüll früherer Zeiten völlig verzichtende Gillan von seinem Gitarristen glatt an die Wand gespielt wurde. Was ihm aber niemand übel nehmen sollte. Morse ist einfach zu gut und ohne jeden Zweifel der Star von Deep Purple, Version 2006. Die alten Fans erinnerten sich an ihre heftigen 70er, jüngere Semester zollten dem Hard Rock mit klassischen Einflüssen gerne die verdiente Anerkennung. Schon einzeln hätten Deep Purple und Alice Cooper einen Abend ausfüllen können, zusammen wurden sie zur Pflichtveranstaltung.

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