Mit Dante durch Himmel und Hölle

Mit Dante durch Himmel und Hölle

Dantes "Commedia" ist für Literaturwissenschaftler kaum weniger bedeutsam als die Bibel. Das grandiose Meisterwerk aus dem frühen 14. Jahrhundert ist freilich auch genauso schwer zu übersetzen. Der Trierer Romanistik-Professor Hartmut Köhler hat die ersten zwei von drei Bänden für Reclam übertragen - und hymnische Kritiken aus aller Welt geerntet.

Trier. Wer die 100 Gesänge der göttlichen Komödie mit ihren 14 223 Versen aus dem mittelalterlichen Italienisch in ein verstehbares und sprachlich dem Original angemessenes Deutsch übertragen will, der muss zumindest zeitweise in eine andere Welt eintauchen.
Und so stapeln sich auf dem Schreibtisch von Hartmut Köhler Text- und Geschichtsbücher, Bibeln, Lexika, historische Wälzer, aus denen er parallel jene Erkenntnisse zieht, die er für seine Arbeit braucht. Was Dante Alighieri von 1307 bis 1320 als fiktive Reise durch Hölle, Fegefeuer und Himmel schrieb, gilt als eines der zentralen Werk der Weltliteratur, ungeheuer kenntnisreich, detailversessen, sprachmächtig und bildungsgesättigt.
Als der renommierte Reclam-Verlag vor einigen Jahren auf den Trierer Romanistik-Professor zukam und um eine neue Dante-Übersetzung anfragte, brauchte der heute 70-Jährige angesichts der Schwere der Aufgabe eine zwar heftige, aber auch kurze Bedenkzeit. Dann war ihm klar: "So was kann man nicht ablehnen".
Dass man gerade ihn fragte, "der ich doch gar kein gelernter Übersetzer bin", hatte fraglos damit zu tun, dass Köhler für frühere große Übersetzungsarbeiten aus dem Französischen und dem Spanischen mit zwei der renommiertesten Fachpreise geehrt worden war. Er gilt als Spezialist für schwierige Fälle, in die man sich richtig reinknien muss. "Leichte Texte lohnen die Arbeit nicht", sagt er mit einem Lächeln, das so viel Selbstbewusstsein wie Selbstironie verrät.
Kein entrückter Schreibtischtäter


Wer sich den emeritierten Professor als verschrobenen oder entrückten Schreibtischtäter vorstellt, liegt gleichwohl völlig falsch. Man trifft Köhler regelmäßig am Theater, wo er schon mal bei den Proben für eine Oper an der französischen Aussprache der Sänger feilt. Er hat lange Jahre das Symposium zu den Antikenfestspielen organisiert, er engagiert sich bei der kammermusikalischen Gesellschaft. Aus Trier ist er schwerlich wegzudenken.
Allerdings ist seine Zeit im Moment begrenzt. Er arbeitet am dritten Band, der in gut einem Jahr erscheinen soll. Jeden Vormittag ein paar Stunden - und am Nachmittag das, was die Kreativität noch hergibt. Wenn er Inspiration oder einfach eine Pause braucht, schaut er aus dem Fenster auf die Kirche St. Paulin im Trierer Norden.
Ein Jahr pro Band, so war es schon bei "Inferno" (Hölle), dem ersten Buch, und "Purgatorio" (Läuterungsberg, eher bekannt als Fegefeuer), dem zweiten. Jeden Tag reist Köhler nun mit Dante ein paar Stunden ins "Paradiso" (Himmel), wälzt Literatur, knobelt an Begriffen, sucht Ausdrucksformen, kreiert Formulierungen. Wer solche Texte übersetzt, ist kein Serviceleister, sondern muss Mit-Künstler sein.
Entsprechend strittig werden Übersetzungen üblicherweise auch diskutiert. Doch als Köhlers erster Band Anfang 2010 erschien, hagelte es - Lob. Fesselnd, wunderbar lesbar, reizvoll, frappierend nah am Urtext, hochwertig, vorzüglich, bravourös: Man könnte stundenlang aus dem internationalen Medienecho und den Hymnen von Süddeutsche bis Welt, Deutschlandfunk bis SWR oder vom Spiegel bis zum Wiener Kurier zitieren.
Dabei kann man Köhler beim besten Willen nicht vorwerfen, dass er potenziellen Kritikern keinen Stoff geliefert hätte. Seine Übersetzung verzichtet auf die einst obligatorische Reimform. Die sei "nicht mehr zeitgemäß", sagt er, und verfälsche beim Versuch, bestimmte Formen einzuhalten, die Sprache des Originals.
Dazu kommt, dass er sich mit Lust auf die sprachlichen und zeitgeschichtlichen Kommentare gestürzt hat, ein Kernstück seiner Arbeit. Dabei geizt er nicht mit aktuellen Bezügen, provoziert auch schon mal gern. "Nassforsch" hat das ein einzelner Kritiker genannt, und Hartmut Köhler zuckt bei diesem Begriff sichtlich zusammen.
Respekt vor dem Dichter



Denn salopp hat er seine Anmerkungen sicher nicht gemeint. Aber dass er Dante nicht als Denkmal sieht, daran lässt er auch wenig Zweifel. Was problematisch sei, müsse und dürfe man auch benennen, sagt er. Gralshüterei ist seine Sache nicht. Höchster Respekt vor dem Dichter aber durchaus: Dante sei ein visionärer Denker gewesen, dessen Aussagen zur Willensfreiheit des Menschen von "unglaublicher Aktualität" seien.
Das Literaturpublikum gibt ihm recht. Die zweite Auflage ist am Markt, regelmäßig wird er zu Lesungen im ganzen Land eingeladen - auch das kein Problem, immerhin hat er eigene Literaturübersetzungen auch schon komplett als Hörbuch eingelesen. 1940 in Kleinmachnow geboren, kam Hartmut Köhler über Freiburg, Jena, Aachen und Dijon im Jahr 1994 als Professor für romanische Literaturwissenschaft an die Uni Trier. 2008 ging er in den Ruhestand. Für Paul-Valery-Übertragungen aus dem Französischen erhielt er 1990 den Paul-Celan-Übersetzerpreis, für die deutsche Fassung des spanischen Barock-Romans "Criticón" von Baltasar Gracian wurde er mit dem Cotta-Preis ausgezeichnet. Köhler ist im Vorstand der deutschen Dante-Gesellschaft und Vorsitzender der kammermusikalischen Vereinigung Trier. DiL

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