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Mit dem Mobiltelefon Trier erkunden und dabei etwas über neuzeitliche Kunst lernen

Mit dem Mobiltelefon Trier erkunden und dabei etwas über neuzeitliche Kunst lernen

Ein Gemeinschaftsprojekt von Uni, Hochschule und Europäischer Kunstakademie macht’s möglich - und lässt einen zudem an der Kunst teilhaben

Auf dem Weg zum Bahnhof? Eine Stunde Zeit zu Überbrücken? Das Handy zur Hand? Warum nicht etwas Kunst und Kultur in der ältesten Stadt Deutschlands kennenlernen? Damit sind aber nicht nur Porta und Co. gemeint, sondern seit kurzem auch die neueren und neusten kulturellen Errungenschaften der Stadt Trier.

Zwar sind der Heuschreckbrunnen am Eingang der Fleischstraße, die Laokoonstatue am E-Gebäude der Universität oder das viel diskutierte Graffito-Gemälde an der Häuserseite des Stadttheaters historisch lange nicht so bedeutend wie Porta, Kaiserthermen oder Amphittheater, doch das heißt nicht, dass sie keine wichtige Bedeutung für die Stadt und ihre Bewohner haben können. So sehen es auf jeden Fall Gabriele Lohberg von der Europäischen Kunstakademie (EKA) und Markus Haberkorn von der Hochschule.

Sie arbeiten seit drei Jahren zusammen mit Kunstgeschichts-Studenten der Universität und Design-Studenten der Hochschule an einer Datenbank, die städtische Kunstwerke, die nach 1945 entstanden sind, sammeln soll. Aber nicht nur das. Die Datenbank soll zudem so aufbereitet werden, dass sie für die Öffentlichkeit leicht zugänglich und nützlich ist.

Über die Webseite public-art-trier.de können Kunst- und Stadtinteressierte rund 120 Kunstwerke abrufen, sich über deren Entstehung, Intention sowie den dazugehörenden Künstler informieren, und den Segen der neuen Medien nutzen: Wer die Seite mit seinem Smartphone von unterwegs aufruft, bekommt eine Anfrage darüber, ob die Seite den eigenen Standort ermitteln und nutzen darf. Wer dies bestätigt, hat die Möglichkeit sich auf einer Karte anzeigen zu lassen, welche Kunstwerke gerade in unmittelbarer oder mittelbarer Umgebung sind.

Außerdem bietet die Seite einige vorprogrammierte Touren zu verschiedenen Themen an, darunter Trierer Persönlichkeiten, Heilige, Brunnen, aber auch Touren über bestimmte Orte, wie den Campus, oder zu bestimmten Anlässen, wie die Landesgartenschau am Petrisberg. "Dies erlaubt die Nutzung der Seite über den heimischen Laptop hinaus", sagt Markus Haberkorn. Der Dozent im Bereich Intermediales Design der Hochschule Trier hat die Seite zusammen mit Studenten eines Seminars entwickelt. Zuvor hatten Kunstgeschichts-Studenten der Universität in Kooperation mit der Europäischen Kunstakademie Fotos und Daten zu städtischen Kunstwerken zusammengetragen.

Man habe sich damals entgegen dem ersten Gedanken entschlossen, keine App zu entwickeln. Eine Web-App (die applikationsähnliche Nutzung einer Webseite) hatte den Vorteil, dass der Nutzer nichts installieren oder kaufen müsse. Nach dem Seminar wendeten die Hochschulstudenten weitere 100 Arbeitsstunden auf, um die Webseite zu befüllen und technisch umzusetzen. Inhaltlich arbeiteten die Unistudenten bis zuletzt an der Recherche, den Texten und Fotos sowie den Interviews mit Künstlern oder deren Hinterbliebenen. Außerdem mussten rechtliche Fragen geklärt werden: Waren die gemachten Fotos neutral genug oder verfälschten sie in den Augen des Künstlers durch eine ungewöhnliche Blickrichtung bereits die gewünschte Aussage? Zeigten sich Künstler oder Hinterbliebene mit einer Online-Sammlung und -Veröffentlichung generell einverstanden? Und besonders, wären sie auch mit einem weiteren Projekt, der Veröffentlichung eines Print-Reiseführers einverstanden (siehe Infokasten)?

Zum Auftakt der finalen Webseite haben sich die Studenten der Hochschule noch eine besondere Aktion einfallen lassen: Bis zum 31. Juli können sich Trierer Bürger oder Besucher an einer Selfieaktion beteiligen. Dazu müssen sie nur vor einem der Kunstwerke der Webseite für ein sogenanntes "Selfie" (ein Selbstbildnis mit der Handykamera geschossen) posieren und dieses auf der Webseite hochladen. Hierzu haben die Studenten eigens eine Rubrik namens #bepartofart angelegt. Außerdem haben die Studenten an vier Stellen in Trier eigens entwickelte Selfieboxen aufgestellt, die dem Nutzer das Selfiemachen erklären und erleichtern sollen. Die Boxen stehen vor dem Graffito gemälde am Theater, dem Handwerkerbrunnen, dem Heuschreckbrunnen und der Laokoon-Statue an der Universität, wobei diese Box in den Semesterferien abmontiert werden kann. Geplant sei, dass sie zum Streetfoodmarket an der EKA aufgebaut werden soll.

Die Selfies werden dort in einer virtuellen Galerie gesammelt und sollen in vier Stufen jeweils ein dreidimensionales Puzzleobjekt ergeben. Für jede dieser vier Stufen haben sich die Studenten ein Gewinnspiel ausgedacht, nach Ausfüllen eines 3-D-Objekts haben die Teilnehmer beispielsweise die Möglichkeit einen Graffiti-Workshop zu gewinnen. Jedes der gesendeten Selfies nimmt automatisch am Gewinnspiel dieser jeweiligen Stufen teil, sobald das virtuelle 3-D-Objekt vollständig ausgefüllt ist. "Die Gewinnspiele sollen auch dem Charakter des ganzen Projekts entsprechen: eine Gemeinschaft anzusprechen", erklärt Haberkorn. Die Leute sollen nochmal mit anderen Augen durch die Stadt gehen und so Neues für sich entdecken, sagt Lohberg: "Es geht darum, wertzuschätzen, was man an der Stadt als Gemeinschaft hat. Je mehr man sich mit der Stadt oder der Kunst darin beschäftigt, desto mehr Identifikationspotenzial findet man auch." Und das könnte gerade die öffentlichen Kunstwerke auch vor Vandalismus schützen. Viele der Werke würden achtlos oder gar mutwillig beschädigt, beschmutzt oder zerstört. Für die Selfieboxen haben die Studenten Diebstahlsicherungen für den dabeiliegenden Selfiestick gekauft, sie rechnen damit, dass die Boxen nur ein paar Wochen stehen werden.Extra: KUNST-STADTFÜHRER GEPLANT

 Screenshot von der Webseite www.public-art-trier.de, die 119 Trierer Kunstobjekte erklärt und diverse Rundtouren anbietet.
Screenshot von der Webseite www.public-art-trier.de, die 119 Trierer Kunstobjekte erklärt und diverse Rundtouren anbietet. Foto: (g_kultur
 Kunst, die man mit dem neuen Onlineangebot entdecken kann: Eine gesprayte Banane von Künstler Thomas Baumgärtel (*1960) auf der Tür der Europäischen Kunstakademie, der Heuschreckbrunnen und das bunte Theatergraffito. Fotos/TV-Archiv: Friedemann Vetter, Stephanie Ringel, Katharina de Mos
Kunst, die man mit dem neuen Onlineangebot entdecken kann: Eine gesprayte Banane von Künstler Thomas Baumgärtel (*1960) auf der Tür der Europäischen Kunstakademie, der Heuschreckbrunnen und das bunte Theatergraffito. Fotos/TV-Archiv: Friedemann Vetter, Stephanie Ringel, Katharina de Mos Foto: Friedemann Vetter (ClickMe)
Mit dem Mobiltelefon Trier erkunden und dabei etwas über neuzeitliche Kunst lernen
Foto: (h_st )

Gabriele Lohberg, Markus Haberkorn und die studentischen Mitarbeiter planen einen Print-Stadtführer zum Thema Kunst nach 1945. Dieser soll etwas größer als ein Din A-5 Block werden und etwa 100 Kunstwerke in Trier umfassen. Als Erscheinungszeitraum sei Herbst 2017 angepeilt.