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Mit einer umjubelten Premiere des Tanzstücks „The Tramp“ verabschiedet sich Sven Grützmacher von Trier

Mit einer umjubelten Premiere des Tanzstücks „The Tramp“ verabschiedet sich Sven Grützmacher von Trier

Mit einer Träne im lachenden Auge endet die Ära Grützmacher in Trier. Mit seinem Tanztheaterstück „The Tramp“ erweckte Grützmacher nicht nur Charlie Chaplin zum Leben. Noch einmal machte er eindrucksvoll deutlich, was seine Idee vom Tanztheater ist.

Der Abschied gerät zur eindrucksvollen Demonstration. Über zehn Minuten applaudiert das Publikum stehend im vollen Saal des Trierer Theaters, als sich der Vorhang gesenkt hat. Was da donnert, ist nicht nur Premierenbeifall für Sven Grützmacher und seine Truppe, deren Tanztheaterstück „The Tramp“ eben zu Ende gegangen ist. Was die 1200 klatschenden Hände wortlos skandieren, ist herzlicher Dank und verdiente Wertschätzung für den Mann, der zehn Jahre lang konsequent, einfallsreich und engagiert das Trierer Tanztheater geleitet und sich zudem vielfältig ins Theaterleben eingebracht hat. Aus einem etwas unzeitgemäßen Ballett-Ensemble hat Grützmacher eine moderne Tanztheater Truppe gemacht. Das war sein Programm. Und das ist ihm gelungen. Worin seine Tanztheater-Idee besteht und welches seine Stärken sind, ist noch einmal eindrücklich in seiner letzten Inszenierung in Trier zu erleben. Mit „The Tramp“, dem Tanztheaterstück zu Charlie Chaplins Biographie, setzt Grützmacher die vielbeachtete Reihe seiner Künstlerbiographien fort. Einmal mehr zeigte sich: Grützmacher ist ein leidenschaftlicher Erzähler, ein Poet mit Witz wie Wehmut, sinnenfreudig und sensibel. Die Geschichten des Choreografen sind voller Anteilnahme am Menschen und ihren seltsamen Gratwanderungen zwischen Tragik und Komik. Die Persönlichkeit des bedeutendsten Komikers der Filmgeschichte des 20. Jahrhunderts bietet sich da geradezu an. Grützmachers Tanzstück konzentriert sich auf die zentralen Ereignisse im Leben Chaplins und seine wichtigsten Produktionen. Darunter die Kindheit, wie aus einem Roman von Charles Dickens, mit der Tingeltangel Mutter und dem alkoholkranken Vater. Oder die Geburt des „Tramps“ im gleichnamigen Stummfilm mit Bürstenbärtchen, Melone, Stock und Schlabberhose, bis heute Markenzeichen des Komikers. Seine skandalumwitterten Beziehungen zu Frauen werden ebenso thematisiert, wie jene Filme, die ihn zur Ikone gemacht haben: „Limelight“ (Rampenlicht) „The Kid“ und natürlich „Der große Diktator“. Daraus hat der Choreograf eine abwechslungsreiche Revue gemacht, die auch musikalisch die Zeit der 30 bis 40er Jahre aufleben lässt und in der zweiten Hälfte erheblich an Fahrt gewinnt. Auf der minimalistischen Bühne von Gerd Hoffmann und Arlette Schwanenberg, deren Licht blauen Traum und gleißende Wirklichkeit schafft, erzählen Grützmachers Tänzer (etliche in mehreren Rollen) mittels Bewegung, Geste und Mimik ihre Geschichte (Kostüme Alexandra Bentele). Dabei bleibt die Grenze zwischen Schauspiel und Tanz fließend. Auf Slapstick und grellen Witz hat Grützmacher zum Glück verzichtet. Juliane Hlawati ist ein zarter, feingliedriger Tramp, ein Gentleman-Vagabund und Liebhaber, den man für seine Komik lieben, vielleicht belächeln, aber nicht auslachen mag. Schön: die Pas de Deux. Zu den anrührendsten Szenen, in denen sich gekonnt die Tragödie als Komödie verkleidet, gehört die Boxkampfszene (Boxer: Andres de Blust Mommaerts und Denis Burda, Ringrichter: Alister Noblet). Ein echtes Revuetalent im Stil der 30er ist Robert Seipelt. Hilflose Geliebte und Traumtänzerin bleibt Susanne Wessel. Der Tramp zieht weiter im Räderwerk seines Lebens und der Zeit. Zur Musik von Philipp Glass stampfen an der Bühnenwand die Räder der Lokomotive, während vorne die Körper der Tänzer in ihrem Rhythmus rotieren. In seiner Brutalität und Endgültigkeit eines der packendsten Bilder der Inszenierung. Unverändert ergreifend: Chaplins Antikriegsrede aus dem „Großen Diktator“ („Adolf“: Ayumi Noblet). Voller Erzählfreude, Poesie und wie es sich für die Komödie gehört, die um die Tragödie in ihr weiß, mit einer Träne im zwinkernden Auge, geht Grützmachers Zeit in Trier zu Ende. „We ’ll meet again“, klingt es zum Schluss aus dem Off. Und bis dahin: „Keep smiling through“.