| 20:42 Uhr

Mit jedem Takt ein bisschen jünger

 Begeistern das Publikum: die Weltmusiker unter Leitung von Victor Puhl im Trierer Theater. TV-Foto: Martin Möller
Begeistern das Publikum: die Weltmusiker unter Leitung von Victor Puhl im Trierer Theater. TV-Foto: Martin Möller FOTO: (g_kultur
Trier. Ein Riesenerfolg beim Publikum: Die "Weltmusik" im Trierer Theater mit Klazz Brothers und Cuba Percussion lockte insgesamt rund 1000 Besucher. Martin Möller

Trier Das Theater war wie ein Bienenhaus. Im Eingangsbereich und im Foyer drängten sich die Besucher. Nicht hektisch und ellenbogenstark, sondern locker, freundlich, zugänglich und dabei ausgesprochen erwartungsfroh. Schon am Tag zuvor hatte man die Generalprobe geöffnet und 400 Besucher eingelassen. Jetzt war im Großen Haus der letzte der 622 Plätze verkauft. Klar - die Kombination Klazz Brothers und Cuba Percussion zieht Publikum. Aber entscheidend war doch mehr als nur der gute Ruf beider Formationen und der Respekt vor Triers Philharmonikern.
Die "Weltmusik"-Reihe, die Generalmusikdirektor Victor Puhl konzipiert hat, sie kommt ganz einfach an. Die Verbindung unterschiedlicher Regional- und Zeitstile, die Kombination aus entspanntem "easy listenig" und feuriger Begeisterung, sie treffen einen Nerv des Publikums.
Die Klazz Brothers haben sich die Verbindung aus Klassik und Jazz auf die Fahnen geschrieben, und Cuba Percussion ist, was der Titel sagt: ein rhythmus-orientiertes Ensemble mit lateinamerikanischem Hintergrund. Allein diese stilistisch unterschiedlichen Gruppen perfekt zu integrieren, ist ein Kunststück für sich. Wenn dann noch das Trierer Orchester dazukommt, wird es für den Arrangeur eng. Aber im Gegensatz zu missglückten Jazz-Klassik-Kombinationen der 1960er Jahre stimmte in diesem Konzert alles. Die Arrangeure, an ihrer Spitze Tobias Forster und Christoph König, haben ganze Arbeit geleistet. Das D-Dur-Finale aus Beethovens "Neunter" beispielsweise in die jazzige Harmonik der Klazz-/Cuba-Gruppe zu transponieren, ist ein Kunststück für sich.
Die Techniker hatten die Bühne über den Orchestergraben gezogen, und auf dem erweiterten Plateau fanden sie alle Platz - vorne und seitlich das Orchester mit Victor Puhl, hinten, wo sonst die Bläser sitzen, Bruno Böhmer-Camacho am Klavier, halbverdeckt, aber akustisch wahrnehmbar Alexander Pankov am Bajan, dem "russischen Bandoneon", Tim Hahn am Schlagzeug, dazu die beiden Cuba Percussions Elio Rodriguez Luis und Alexie Herrera Estevez. Und in der Mitte stand Kilian Forster wie ein Leuchtturm mit seinem Kontrabass, glänzte als Moderator und behandelte das Instrument so brillant und leichthändig, als habe er mit einer Flöte zu tun. Dirigent Puhl setzte darauf noch das i-Tüpfelchen einer perfekter Koordination und sicherer Motivation. Der Trierer GMD hatte die rotbraunen Lackschuhe vom Neujahrskonzert aus dem Schrank geholt und strahlte eine ansteckende Begeisterung aus.
Der Tango, diese Verbindung aus europäischer und südamerikanischer Musik, diese Kombination aus Unterschichtklängen und musikalischer Hochkultur, war gewissermaßen der Kitt, der die Stil-Tendenzen zusammenhielt. Eintönig war das Programm trotzdem nicht. Natürlich hatten Klazz/Cuba und das Philharmonische Orchester Astor Piazzolla, Vorzeigekomponisten des Tango mit etlichen Stücken ins Programm gehoben, selbstverständlich auch Tango-Urgestein Carlos Gardel. Aber man verstand sich auch glänzend auf einen Klassik-Tango-Cuba-Mix. Zudem setzte sich auch das Orchester immer wieder wirkungsvoll in Szene.
Die Streicher lieferten die sichere Basis, das Holz setzte Klangfarben-Akzente, und wenn Bigband-Sound gefragt war, hielt das Blech von der Seite her kräftig herein. Puhl betätigte sich zudem als eine Art Tango-Vortänzer, und immerhin ein halbes Dutzend Zuhörer eilten auf die Bühne, um mitzumachen. Damit hatte sich auch die klassische Frontalsituation Bühne-Publikum erledigt, und kräftig angeheizt von den immer stärker aufdrehenden Musikern legten die Zuhörer alle Reserviert-heit ab und machten lauthals mit beim euphorischen Finale.
Eine Teeny-Veranstaltung war diese Weltmusik ganz bestimmt nicht; der geschätzte Altersdurchschnitt dürfte sich auf 50 Jahre belaufen. Aber - und das war vielleicht das Schönste an diesem Abend: Mit jedem Takt der Musik verjüngte sich das Publikum wie durch Zauberhand. Da war fast handfest zu spüren, wie viel Schwung, Leichtigkeit und, ja: Jugendlichkeit alle die mitnahmen, die nach dem Konzert aus dem Theater strömten.