Mit Wollust in Klängen baden

Mit Wollust in Klängen baden

Trier. Nach viereinhalb Jahren war wieder einmal die Staatskapelle Weimar in ihrer Partnerstadt Trier zu Gast. Unter der Führung von Jac van Steen gestalteten sie mit Werken von Ludwig van Beethoven und Johannes Brahms einen umjubelten Abend im ausverkauften städtischen Theater.

Über 400 Jahre gewachsene Tradition, das kann eine Hypothek sein, aber auch ein Kapital, mit dem man arbeiten kann. Die Staatskapelle Weimar kann auf eine solche Tradition zurück blicken, auf 400 Jahre, die von großen Namen begleitet werden. Die Weimarer Musiker betrachten ihre Geschichte nicht als Belastung, sondern als eine Herausforderung, ihrem Ruf gerecht zu werden. Dies belegte einmal mehr ihr Gastspiel im städtischen Theater Trier, das zu einem umjubelten kulturellen Ereignis wurde. Aber nicht nur die Musiker lassen sich von ihrer Vergangenheit inspirieren. Auch der Mann am Pult, der Niederländer Jac van Steen, trägt nicht schwer an den glanzvollen Namen seiner Vorgänger. Er reiht sich ein in die Liste, in der sich schon ein Johann Hermann Schein, ein Johann Sebastian Bach, ein Franz Liszt und im letzten Jahrhundert ein Hermann Abendroth verewigt haben. Die Verantwortung der Historie ist etwas, das die Musiker und ihr Dirigent gemeinsam schultern und in die Zukunft trugen.Starke Partnerschaft

Von dieser starken Partnerschaft konnte das Publikum im ausverkauften großen Haus in Trier nur profitieren. Neben exquisiter Musik strömte eine geballte Ladung menschlicher Harmonie von der Bühne in den Zuschauerraum, unterfütterte das Erlebnis von Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 7, Opus 92, sowie der zweiten Sinfonie von Johannes Brahms. Eingestimmt auf das Kommende durch Beethovens Ouvertüre zu "Die Geschöpfe des Prometheus" gestaltete van Steen Beethovens A-Dur Sinfonie zu einem vorwärts drängenden Werk, das nur ein Ziel kannte, sein furioses Finale. Dabei gelang es ihm aber, die Zwischenstationen dieser teils rasanten Fahrt nicht in die Nebensächlichkeit abgleiten zu lassen. Seine Vorstellung vom Werk und seine exzellent agierenden Musiker gaben Raum zum Verweilen, insbesondere im zweiten Satz. Trotzdem wohnte der Interpretation eine Unruhe inne, die gleich einem Sog auf das rhythmisch anregende, ja aufregende Ende hinstrebte. Nach der Uraufführung seines Opus 73, die für Brahms einer seiner größten Triumphe war, sagte der Komponist: "Das Orchester hat mit einer Wollust geübt und gespielt, wie ich es noch nie erlebt habe." Wer wollte, konnte sich auch in Trier der Wollust ergeben, sich sowohl in einem Bad der Klänge ergehen, sich von gewaltigen Klangeruptionen als auch von schmeichelnden Kantilenen inspirieren lassen. Viele Kritiker betrachten die Zweite von Brahms als seine schönste Sinfonie. In der Interpretation von van Steen konnte man, auch wenn man diese Auffassung nicht unbedingt teilt, Verständnis für diese Meinung bekommen. Dies lag in erster Linie daran, dass van Steen sich nicht an der augenscheinlichen Klangschönheit des Werkes aufhielt, sondern seinem Publikum die darunter verborgenen, komprimierten Inhalte zu erschließen, die so gerne unter der lieblichen Oberfläche verborgen bleiben. Ermöglicht wurde dies durch einen Klangkörper, der prompt und präzise reagierte. Streicher, von der Violine bis zum Kontrabass, die in der Lage sind, feinste Pianissimopassagen filigran zu gestalten, Holzbläser, die Melodiebögen in zauberhaften Farben in den Raum malen können, ein Blech, das Glanz und Prägnanz verleihen kann, ohne seine Partner zu erschlagen. Natürlich gab es auch Stellen, wo es einmal hakte, wo der letzte Tick zu Perfektion fehlte. Unwesentlich. Das Gesamtergebnis zählte, und das war großartig.

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