| 20:33 Uhr

Mitten ins Herz der Maschine

 Rigoletto und Gilda auf der Maschinenbrücke: Probenaufnahme mit Olafur Sigurdarson und Sofia Fomina. Foto: Stage Picture/Staatstheater Saarbrücken
Rigoletto und Gilda auf der Maschinenbrücke: Probenaufnahme mit Olafur Sigurdarson und Sofia Fomina. Foto: Stage Picture/Staatstheater Saarbrücken
Völklingen. Das ist ein Kulturereignis für die Großregion: Verdis Oper Rigoletto, aufgeführt im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, mitten in einer alten Industriehalle. Die Premiere zeigte ein Experiment, bei dem zwar nicht alle Rechnungen aufgehen, das aber dennoch eine außergewöhnliche Faszination erzeugt. Dieter Lintz

Völklingen. Eine Halle von der Größe zweier Fußballfelder, dominiert von meterhohen düsteren Eisenkolossen, die aus dem Boden herauswachsen wie eingegrabene Monster. Riesige Räder, Kessel, Rohre, mit deren Hilfe einst Luft für die Hochöfen erzeugt wurde. Es riecht auch ein Vierteljahrhundert nach der Schließung immer noch nach Maschinenöl und stickigen Rauchschwaden.
Das 20 Kilometer Luftlinie entfernte Staatstheater Saarbrücken, derzeit wegen Umbauarbeiten auf neue Spielorte angewiesen, führt hier Verdis Rigoletto auf. Ausgerechnet das Opern-Schauerdrama aus höfischen Adelskreisen um einen buckligen Hofnarren, dessen zynischer Humor bitter bestraft wird, indem sein Herr ausgerechnet seine überbehütete Tochter verführt - was für letztere in einem Leichensack endet.
Regisseurin Dagmar Schlingmann passt das Stück dem Ambiente an. Der Herzog von Mantua: finaler Erbe einer Industrie-Dynastie, der gerade das Renommee und Kapital der Gründergenerationen leichtfertig verzockt. Sein Adelshof: eine ängstliche Arbeitertruppe, die dem Chef seine Frauen und Töchter leise murrend zur Nutzung überlässt. Rigoletto: ein müder Clown, seines Jobs als Faxenmacher schrecklich überdrüssig, der lustlos Konfetti in die Luft schießt.
Seine Tochter Gilda lebt in einer Art Glasvitrine, und der Alte merkt nicht, dass sein geliebtes Ausstellungsstück längst dabei ist, flügge zu werden. Schlingmanns präzise Ausarbeitung des Verhältnisses zwischen Vater, Tochter und dem karikaturhaft überzeichneten Herzog ist ein Glanzstück des Abends.
Das ganze Publikum zieht um


Im letzten Akt geht die Regie aufs Ganze, zieht mit dem kompletten Publikum um, mitten hinein ins Herz der Maschine, auf eine Art Leitstand, der die Spielfläche bildet. Die schiere Wirkung des Ambientes ist enorm, aber auch hier erschließt sich der inhaltliche Sinn nicht unbedingt. Die (von Bühnenbildnerin Sabine Mader mit wenigen Accessoires gut bespielbar gemachte) Industriehalle bleibt der tolle Rahmen für ein spannendes Event, zum echten Schauplatz wird sie nicht.
Dass das Orchester hier um die Ecke stationiert ist (beim ersten Teil belegt es eine seitliche Hälfte der Spielfläche), macht die Sache zum Vabanque-Spiel. Es ist ein mittleres Wunder, wie der mit furiosem Engagement dirigierende Toshiyuki Kamioka alles zusammenhält, exakt den vorzüglichen Herrenchor führt und die Solisten durch alle Unwägbarkeiten geleitet. Zumal Markus Marquardt in der Titelpartie erst einen Tag vor der Premiere für den erkrankten Olafur Sigurdarson eingesprungen ist. Ein Rigoletto mit präziser Diktion, souveräner Höhe, kraftvollen Ausbrüchen und eminenter Präsenz. Die braucht es an diesem Abend auch, um mit der großartigen Gilda von Sofia Fomina mitzuhalten. Kein fragiles Mädchen, eine kraftvolle junge Frau, deren "Caro nome"-Arie Züge sexuellen Erwachens trägt. Fominas Koloraturgewandheit mündet nie in Nachtigallengeträller, im Gegenteil: Sie singt dem Publikum Tränen des Mitgefühls in die Augen, zeichnet mit der Stimme ein dichtes Charakterporträt.
Daneben fällt Alexandru Badeas Herzog ab. Mag sein, dass die großspurige Art des Singens Bestandteil der Rollengestaltung ist. Aber auch Takt und Timing stimmen nicht so richtig, nach oben verengt sich die Stimme, und oft fehlt das Volumen. Der Sparafucile von Randall Jakobsh, Jiri Sulzenkos Monterone und Tereza Andrasis Maddalena lassen keine Wünsche offen.
Am Ende großer Jubel für eine enorme Energieleistung. Es sind zwar 18 Vorstellungen bis Anfang Juni angesetzt, aber die Nachfrage ist riesig - man sollte also bei Interesse schnell zugreifen (0681/3092486). Ansonsten bietet zeitgleich Koblenz einen Rigoletto, in Trier kommt er nach der Sommerpause. So viel zum Thema Kultur-Koordination in der Großregion.