1. Region
  2. Kultur

Moderner Jazz muss nicht müffeln

Moderner Jazz muss nicht müffeln

Die Jazzszene ist in Bewegung. Viele talentierte junge Musiker machen den Platzhirschen die Bühnen streitig. So auch der Jazzpianist Vijay Iyer, der rund 300 Zuhörern im kleinen Saal der Luxemburger Philharmonie zeigte, wie aufregend und neu moderner Jazz sein muss.

Luxemburg. "Jazz ist nicht tot, er riecht nur komisch", hat Frank Zappa einmal gesagt. Zu oft drehte sich im Jazzgenre alles im Kreis und um sich selbst. Erneuerungsbewegungen wie der Bebop der 40er und 50er Jahre oder die Fusionbewegung in den 70er Jahren hauchten dem Jazz frischen Lebensatem ein. Junge Musiker wie Vijay Iyer schauen über den musikalischen Tellerrand und verweben geschickt klassische und neue Musik sowie Rock und Folklore, ohne dass daraus ein zusammengeklaubtes Einerlei wird.
Vijay Iyer ist der Newcomer der internationalen Jazzszene, gefeiert und mit Auszeichnungen bedacht. Eine große Hoffnung. Dabei kam er fast beiläufig zum Jazz. Der 40-jährige Amerikaner mit indischen Wurzeln studierte erst Mathematik und Physik in Yale und Berkeley, ehe er sich ganz den schwarzen und weißen Tasten verschrieb. So kann\'s gehen: gerade noch in Einsteins Fußstapfen und dann doch in Richtung Jazzolymp.
Wie ein Musikschüler sitzt Iyer am Steinway-Flügel, den Rücken gerade, die Haltung der Hände vorbildlich. Konzentration statt lässiger Geste. Doch Vijay Iyer ist nicht nur ein technisches Wunderkind, sondern weiß feinfühlig mit dem klanglichen Material zu spielen. Mit fast hermetischen Kompositionen wagt er den Auftakt, huldigt seinen Vorbildern, Andrew Hill beispielsweise. Iyer braucht nicht zu konstatieren, dass der kauzige Magier Thelonious Monk einer seiner musikalischen Helden ist, deren Musik er verehrt. Der Stil des aufstrebenden amerikanischen Jazzpianisten verrät diese Seelenverwandtschaft in nahezu jeder Note. "Epistrophy", ein Klassiker Monks, komplex aufgebaut und mit ungewöhnlichen Harmoniefolgen gestrickt, ein Universum, das geordnet gehört. Vijay Iyer feiert dieses abstrakte Musikstück, das eher aus Zahlenreihen denn aus Noten besteht und dennoch von einfacher robuster Eleganz ist.

Er kann auch anders. Mit schelmischer Akribie dekonstruiert er Bernsteins "Somewhere" aus der "West Side Story" oder reduziert die Lennon-Hymne "Imagine" zu einer leise-lauten Ballade. Als Rausschmeißer und Hommage an den skurrilen Musiker Sun Ra tackerte Iyer den Blues "One For Blount" in gefühlter Warp-Geschwindigkeit in die Tasten. Ein beeindruckendes wie aufwühlendes Solokonzert des neuen Jazzstars.