Mord und Totschlag im Heimatidyll

Mord und Totschlag im Heimatidyll

Karierte Tischdecke, Hochsitz, Berglandschaft, Leuchtturm - deutsches Heimatidyll ziert derzeit Buchdeckel. Doch wehe dem, der umblättert, um sich an "Winterkartoffelknödel" oder "Eifel-Liebe" zu laben.

Jäh wird er in Mord und Totschlag verwickelt! Was ist das für ein mysteriöses Phänomen, für das hier und da der Begriff "Regional-Krimi" durchsickert? Woher kommt es, wer hat es auf dem Gewissen? Begeben wir uns auf Spurensuche!
Die ersten Hinweise liefert ein Inkognito-Besuch in der größten Trierer Buchhandlung, der Mayerschen am Kornmarkt. Die Lupe kann stecken bleiben, groß prangt "Regionalia" über üppigen 30 laufenden Regalmetern. Und da stehen, getarnt als "Erzählungen" Mords-Titel mit Zusatz "Eifel", "Mosel" oder "Hunsrück". Doch damit nicht genug, unter "Krimi" und "Bestseller" findet sich Mörderisches von Taunus bis Allgäu. Angesichts solcher Blutströme durch den gesamten deutschen Sprachraum muss das Inkognito fallen und offiziell ermittelt werden!
Beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels verdichtet ein Eingeweihter, Börsenblatt-Redakteur, Michael Roesler-Graichen, die Indizienlage: "Spannungsliteratur macht am Gesamtmarktanteil der Belletristik von 33,8 Prozent inzwischen 27 Prozent aus." Dafür sei der Regional-Krimi mitverantwortlich, der in den 1970ern nur vereinzelt aufgetaucht, als Genre seit den 1990er Jahren etabliert und in den letzten zehn Jahren enorm am Boomen sei. Dann nennt er gar Namen treibender Kräfte, Emons, Grafit und Gmeiner.
Recherchen fördern zutage: Der Emons-Verlag aus Köln ist mit jährlich mehr als 100 Titeln, die rund 60 Regionen abdecken, Marktführer und einer der Pioniere in Sachen Regionalkrimi. Das bezeugt sein Gründer und Geschäftsführer Hermann-Josef Emons: "Wir haben 1984, im Gründungsjahr, den ersten Köln-Krimi `Tödlicher Klüngel von Christoph Gottwald herausgebracht und damit eine regionale Nische bedient. Damals fing BAP gerade an, das Interesse an Köln wuchs." Dank der "Selbstbesoffenheit" der Kölner habe der Erfolg anfangs über "Hauptsache, es steht Köln drauf" funktioniert. Aber mit jedem Buch mehr sei es stärker um die Qualität der Texte gegangen.
Auch der 1989 von Rutger Booß in Dortmund gegründeten Grafit-Verlag definiert sich als Marktführer und Pionier des Regional-Krimis. Zeugin hier ist die seit 2010 amtierende Geschäftsführerin Ulrike Rodi. "Als ich 1992 zum Verlag kam, hatte Grafit bereits begonnen, aus der Not, keine teuren Lizenzen kaufen zu können, eine Tugend zu machen und deutsche Krimis zu verlegen. Die lagen damals allgemein brach." Einer der ersten Autoren war Jürgen Kehrer, Schöpfer des aus dem Fernsehen bekannten Münsteraner Detektivs Wilsberg. Doch die Hauptspur zum Erfolg, nicht nur des Verlags sondern auch der Region als Markenzeichen und des Regional-Krimi-Genres selbst, führt nach Rodis Aussage zu Jacques Berndorf, der 1993 mit seinem zweiten Roman "Eifel-Gold" bei Grafit einstieg. "Dadurch, dass er in Folge die Bestsellerlisten stürmte, ist eine Welle über ganz Deutschland geschwappt", sagt Rodi.
Authentische Beschreibungen


Auf der, das bringen die nächsten Nachforschungen ans Licht, schwimmt seit der Jahrtausendwende auch der Gmeiner-Verlag aus Meßkirch so erfolgreich mit, dass er zuletzt gar ein Umsatzplus von 43 Prozent in 2010 verzeichnete. "Der Trend war damals ganz klar, Angebot und Autoren waren da, die Nachfrage auch", sagt Geschäftsführer Armin Gmeiner. "Wir haben mit Schwabenkrimis angefangen, uns dann aber zum Spezialist für Themenkrimis mit Lokalkolorit aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgebaut." So weit so klar die äußere Spurenlage, aber was ist denn nun das tiefere Geheimnis des Regional-Krimis? Das was Menschen veranlasst, ihm Geld, Freizeit und womöglich ruhigen Schlaf zu opfern?
"Es ist doch schön, wenn man in die Bäckerei um die Ecke geht und am Vorabend gelesen hat, dass dort eine Leiche gefunden wurde", meint Hermann-Josef Emons. "Den guten Regional-Krimi macht eine authentische Beschreibung des lokalen Milieus mit nachvollziehbaren Schauplätzen, Mentalität der Menschen und ihrer Eigenheiten, Spannung, die bis zum Ende mit fiebern lässt, und sich weiter entwickelnde Ermittler-Figuren aus", verrät Armin Gmeiner. Wichtig sei, dass sich Leser mit den Handlungsorten oder Themen, über die sie in ihrer Tageszeitung lesen, identifizieren könnten. "Großstadtkrimis funktionieren nicht so gut wie etwa verschrobene Allgäukrimis", weiß dazu Ulrike Rodi.
Warum Menschen überhaupt gerne lesen wollen, was "nebenan" passiert, erklärt Hermann-Josef Emons: "In Zeiten der Globalisierung entwickeln sie Bezug zur Heimat, suchen Übersicht in einem engen Kreis, in dem ihnen die Regeln geläufig sind. Da, wo man sich auskennt, fühlt man sich sicher." In jedem Krimi würden schließlich am Ende die gewohnte Ordnung wieder hergestellt und die Bösewichter bestraft.
Kombiniere: Hinter so einer Macht kann nur ein SYNDIKAT stecken, und dahin, zum gleichnamigen Zusammenschluss deutscher Krimiautoren, führt schließlich die letzte Spur.
Einer der drei Sprecher derer, die den deutschen Kriminalroman durch Organisation des Festivals "Criminale", durch Finanzierung von Lesungen oder Preisvergaben fördern, ist Jan Zweyer, der seit 1998 Ruhrgebietskrimis schreibt. "Irgendwer hat mal gesagt, der Kriminalroman ist der Gesellschaftsroman des ausgehenden 20. Jahrhunderts, man kann darin gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln." Da liege es nahe, sich Themen zu suchen, von denen man etwas verstehe, und die hätten auch mit der Region zu tun, in der man lebe. Wenn man Lokalität benutze, um bestimmte Charaktere und Strukturen zu transportieren, sei das in Ordnung. Und dann sorgt er für eine überraschende Wendung: Was sei überhaupt die Definition von Regional-Krimi? Doch oft nur ein negatives Attribut im Sinne von Stadtführer im Krimigewand. "Ich meine, den Regional-Krimi gibt es nicht, sondern nur gute oder schlechte - wer käme auf die Idee, Donna Leons Venedig-Romane als Regional-Krimis zu bezeichnen?" Anke Emmerling