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Morden im Norden

Schuss in den Schären? Wie diese Szene aus „Mittsommermord“ von Henning Mankell ausgeht, verraten wir natürlich nicht. Foto: ZDF/Nille Leander
Schuss in den Schären? Wie diese Szene aus „Mittsommermord“ von Henning Mankell ausgeht, verraten wir natürlich nicht. Foto: ZDF/Nille Leander
Trier. Sie sind meistens düster, oft melancholisch und damit überaus erfolgreich: Der Skandinavienkrimi gilt mittlerweile als eigenständiges Genre. Der TV ist der Frage nachgegangen, warum gerade die Geschichten aus dem hohen Norden so fesselnd sind. Rebecca Schaal

Trier. Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Das gilt für Skandinavien mehr als für andere Gegenden dieser Welt. Klimatisch - man denke an die langen Sommernächte und die kurzen Wintertage -, aber auch gesellschaftlich. Denn wo es vielen Menschen gut geht, da gibt es auch viele, die durchs Raster fallen.
Es sind wohl diese Gegensätze, die für den Boom der Skandinavienkrimis in den vergangenen Jahrzehnten gesorgt haben. Böse Handlungen in armen, heterogenen oder zerklüfteten Gesellschaften, das mag mitunter gut geschrieben und spannend sein. Von Grund auf zu faszinieren vermögen sie aber nicht. Anders die schaurigen Geschichten aus dem Norden. Wenn das Böse Einzug in die scheinbar heile Welt hält, dann stockt dem Leser mit wohligem Schauer der Atem.
Und so verwundert es wenig, dass der Ursprung der Kriminalgeschichten aus dem nördlichen Europa in Schweden liegt. Ein Land, das für Außenstehende dank seines Wohlfahrtsstaats wie ein Paradies wirkt. Doch gerade die Vertreibung aus dem Paradies ist schon lange ein Bestseller.
Maj Sjöwall und Per Wahlöö gelten als Pioniere des Schwedenkrimis, seit sie in den 1960ern und 1970ern Kommissar Beck ermitteln ließen. Der klassischen Kriminalgeschichte legte das Autoren-Ehepaar aber eine weitere Komponente bei: die des politischen Statements - beide sind bekennende Marxisten.
Damit waren sie aber nur Vorreiter einer ganzen Generation von skandinavischen Autoren, die weit über klassische Figurenkonstellationen und Mordmotive hinausgehen. Arne Dahl beispielsweise seziert die schwedische Gesellschaft in seinen Werken bis zur Unkenntlichkeit. Und am Ende bleibt die Frage, wie das Land jemals das Etikett Paradies verpasst bekommen konnte. Korruption, Egoismus, Verlogenheit - natürlich ist auch das übertrieben; die Wahrheit liegt bekanntlich irgendwo in der Mitte.
Eine politische Dimension bringt auch Henning Mankell in seine Bücher ein - immer noch der Prototyp des schwedischen Krimiautors. Mankell betrachtet die schwedische Gesellschaft aber oft nicht losgelöst, sondern vielmehr in der Interaktion mit anderen Staaten, sei es mit Lettland ("Hunde von Riga") oder - ein Thema, das ihm sehr am Herzen liegt - Afrika ("Die weiße Löwin").
Neben seinen geschickt und spannend konstruierten Geschichten liefert vor allem seine Hauptfigur, Kommissar Kurt Wallander, einen Grund für den Erfolg.
Verschrobene, ja, oft fast soziopathische, am Leben beinahe gescheiterte Figuren bilden eine weitere Säule des Erfolgsmodells skandinavischer Kriminalroman. Düster ist die Welt da draußen, noch dunkler nur die Innenwelt. Ab und zu blitzen Gefühle auf, um schnell wieder durch die schwere Last der eigenen Vergangenheit und Unzulänglichkeiten begraben zu werden. Perfektioniert hat das Dahl in seinem Ermittlerteam, der sogenannten A-Gruppe. Aber auch der Norweger Jo Nesbø, dessen Hauptfigur Harry Hole nicht immer sympathisch, doch dafür umso genialer daherkommt, wenn er zwischen Delirium und Entzug der nächsten Verbrechensaufklärung entgegenwankt. Nicht zu vergessen Lisbeth Salander, mit der der Schwede Stieg Larsson in seiner Millennium-Trilogie die wohl schrägste, aber auch faszinierendste Frauenfigur des skandinavischen Krimis geschaffen hat. Oder der Däne Jussi Adler-Olsen mit seinem Kommissar Carl Mørck, der derzeit die Bestsellerlisten dominiert und dabei - wie offenbar fast jeder skandinavische Kommissar - nebenbei seine gescheiterte Ehe verarbeiten muss.
Je kaputter der Typ, desto genialer die Aufklärungsmethoden, je gebrochener die Persönlichkeit, desto mutiger stellt sie sich allem Bösen der Welt entgegen. Vielleicht ist das für uns Leser ja das Beruhigende an den skandinavischen Kriminalromanen: Man muss nicht perfekt sein, um von Millionen Menschen geliebt zu werden. Zumindest nicht auf dem Papier.
volksfreund.de/krimispecial