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Mosel Musikfestival 2021 Eröffnung St. Maximin Trier Kit Armstrong

Trier : Von der freien Entfaltung der Töne

Kit Armstrong ist eine ungewöhnliche Figur in unserer Welt. Ein „Ausnahmekünstler“, ein Star der klassischen Musik, als Pianist zu Gast auf den größten Konzertpodien . Außerdem Komponist und Dirigent, Physiker, Mathematiker, Musikwissenschaftler. Für ihn selbst aber scheint wesentlich nur eines zu sein: das zu tun, was er will, auf seine eigene Art und mit aller Verve und Konzentration. Zu erleben war dies auch beim Eröffnungskonzert des Mosel Musikfestivals.

Kit Armstrong macht sein eigenes Ding: Er verfolgt unkonventionelle Projekte und Ideen, kaufte gar eine ehemalige Kirche in Frankreich, in der er lebt und konzertiert. Und er kommt zum wiederholten Mal an die Mosel, wo er sich als Artist in Residence des Mosel Musikfestivals an selbst entwickelten Konzertprogrammen ausprobieren kann. Zu unserer Freude, denn bereits das Eröffnungskonzert in Trier St. Maximin war ein wunderbarer Abend.

Eingeläutet wurde er von Oberbürgermeister Wolfram Leibe, Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Festivalintendant Tobias Scharfenberger. Einhellig bekräftigten alle drei, wie sehr gerade die coronabedingte Stille den Wert von Kunst und Kultur offenbart habe, wie wichtig nun aber auch eine Unterstützung der Künstler und Kulturschaffenden sei. Der Dank dafür, dass das Mosel Musikfestival überlebt habe und nun in eine prachtvolle Saison starten könne, ging daher von Festivalseite aus an Leibe und Dreyer, die sich immer wieder vehement für die Kultur einsetzen, und von allen dreien an die großzügigen Sponsoren des Festivals – wie auch an das Publikum selbst.

Diesem wurde Ungewohntes geboten: Renaissance-Musik, genauer Klavier-, eigentlich Virginalmusik des 16. und frühen 17. Jahrhunderts, von zwei damals berühmten, heute recht unbekannten Komponisten: William Byrd und John Bull – im Wechsel mit Texten, lebendig gelesen von der Rezitatorin Katja Heinrich. Hier ging es um die historische Einbettung der beiden Komponisten, die politischen Verhältnisse Englands, ihre Stellung in der Gesellschaft, ihre Charaktere. Man hörte von Heinrich VIII., der das Musikleben erblühen ließ, um mit Pracht und Pomp die aus persönlichem Machtinteresse erfolgte Gründung der Anglikanischen Kirche zu befestigen, fortgeführt dann im „Goldenen Zeitalter“ seiner Tochter Elisabeth. Man hörte skurrile Geschichten, zeitgenössische Briefe, wunderschöne Sonette des Zeitgenossen William Shakes-
peare. Geschrieben und ausgewählt hat diese Texte Kit Armstrong selbst, unterstützt von Tobias Scharfenberger: Die Entdeckung dieser beiden Komponisten, ihre Musik in die Welt zu tragen, ist Armstrongs derzeitiges Projekt, dem er sich mit allem Ernst und Elan widmet: So ist eben seine neue CD mit ebendieser Musik erschienen, zugleich bereitet er eine Sammelausgabe von Byrds Werken für Tasteninstrumente vor.

Und tatsächlich sind diese Stücke eine Entdeckung und bildeten inmitten der Rezitationen dieses „Lecture-Konzerts“ das Herzstück. Armstrong hatte kleine Einzelformen ausgewählt, Fantasien, Variationen, Präludien, in denen hörbar wird, was ihn an dieser Musik so fasziniert: die nämlich den Komponisten die Freiheit ließen, mit Hergebrachtem zu spielen, sich auszuprobieren, neue Türen aufzustoßen. Ihre Herkunft aus der Polyphonie etwa eines Palestrina ist noch zu hören, doch dann steigen die Melodien mitunter frei und spielerisch in die Luft, wird eine Stimme von liegenden Akkorden unterstützt und aus der strengen Linearität der Kontrapunktik entlassen.

  
 Lange Schlangen beim Einlass: Das Wetter bestätigte das Team des Mosel Musikfestivals in der kurzfristigen Entscheidung, die Eröffnung in die ehemalige Abteikirche St. Maximin zu verlegen. Dazu waren Corona-Test und Kontaktdaten vorzuweisen.
Lange Schlangen beim Einlass: Das Wetter bestätigte das Team des Mosel Musikfestivals in der kurzfristigen Entscheidung, die Eröffnung in die ehemalige Abteikirche St. Maximin zu verlegen. Dazu waren Corona-Test und Kontaktdaten vorzuweisen. Foto: Hans Krämer
 Kit Armstrong eröffnet Mosel Musikfestival
Kit Armstrong eröffnet Mosel Musikfestival Foto: Hans Krämer

Was auf diese Weise das damalige Komponieren mit- und weiterentwickelte, ist andererseits, unabhängig von zeitlicher Verwurzelung, einfach eine wunderbar fantasievolle Musik. Da gibt es Variationen, die mit dem Variieren selbst spielen; da gibt es rollende Virtuosität, martialisch stampfende Bässe, tief betrübte Klagen oder zurückgenommene Innerlichkeit; da gibt es Momente, die vollkommen improvisiert, wie im Augenblick erfunden wirken; plötzliche Umschwünge, überraschende Farb- und Harmoniewechsel, sogar etwas jazzig Anmutendes. Armstrong fördert diese Freiheit, den Eigensinn, das Kreative mit klarem, sensiblem, schönem Spiel zutage, auch, indem er die Klanglichkeit, die Schattierungsmöglichkeiten des modernen Klaviers nutzt; er nimmt sich die Freiheit, die in der Musik steckt. Und erzählt auf diese Weise auch, wie sehr das Musizieren von Aspekten lebt, die für ihn so wichtig sind: dem Spielerischen, dem Neu-Erfinden, dem Eigenwilligen. Das Publikum ging begeistert mit: großer Applaus am Ende des Abends.