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Mosel Musikfestival 2021 Kit Armstrong Nannette Streicher Hammerklavier

Mosel Musikfestival : Junger Star, alter Flügel und eine starke Frau

Beim Mosel Musikfestival fällt im Jahr zwei der Pandemie manches Konzert vielleicht kleiner aus als zuvor. Doch nicht nur mit der Eröffnung nächste Woche setzt das Programm außergewöhnliche Akzente.

Wenn Kit Armstrong am Sonntag (11. Juli) in Traben-Trarbach ein Salonkonzert gibt, dann dürfen ganze zwölf Besucher dabei sein. Ja, zwölf! Der Pianist, der in den renommiertesten Konzertsälen der Welt auftritt und auch vor 1200 Gästen spielen könnte, bringt in der Villa Böcking an der Mittelmosel den historischen Hammer­flügel zum Klingen, den eine Dame aus der Region dem Mittelmosel-Museum geschenkt hat. Das Instrument darf den Salon nicht verlassen – das wäre zu riskant für das kostbare Stück. Die Corona-Regeln hingegen lassen mehr als zwölf Besucher in dem Raum auf der Bel­etage des Barockbaus nicht zu. Wenn der Weltstar wie geplant drei Konzerte hintereinander gibt, können dies also 36 Menschen live erleben. Geht’s noch exklusiver?

Der alte Flügel gilt als besonderer musikalischer Schatz, stammt er doch aus der Werkstatt der Nannette Streicher, die vor rund 200 Jahren eine der bedeutendsten Instrumentenbauerinnen ihrer Zeit war, eine enge Vertraute Beethovens auch, die in Wien einen Klaviersalon unterhielt. Das Streicher-Instrument in Traben-Trarbach, schwärmt Tobias Scharfenberger, Intendant des Mosel Musikfestivals, sei nicht nur äußerlich wunderschön, sondern „spielbar“. Es habe einen warmen Klang, der uns heute eine Idee davon geben könne, wie die Musik von Beethoven zum Beispiel einst geklungen hat. „Kit war sehr berührt und bewegt, als er sich näherte“, erzählt Scharfenberger über den jüngsten Besuch Armstrongs in der Villa Bücking.

Bei der Gelegenheit spielte der Pianist sein Konzert bereits für eine Aufzeichnung ein. Sie soll Teil eines Podcasts werden, mit dem auch die Geschichte der Nannette Streicher aufbereitet und zugänglich gemacht wird. Schließlich war Streicher (geborene Stein) als weibliche Unternehmerin, Komponistin und Musikpädagogin zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine absolute Ausnahmeerscheinung – und damit für heutige Betrachter eine hochinteressante Person. „Der Podcast ist eines der zentralen Projekte des Festivals in diesem Jahr“, sagt Scharfenberger. Für die fünf Folgen à zehn Minuten ist es ihm gelungen, eine Finanzierung durch den Bund aus Mitteln für den Neustart der Kultur nach der Corona-Pause zu bekommen.

Wer also nicht zu den 36 Live-Konzertbesuchern in Traben-Trarbach gehört, kann Kit Armstrong ab dem Konzerttermin dort virtuell erleben und das sogar kostenlos. „Wir wollen, dass alle Menschen Zugang dazu haben“, versichert Scharfenberger. Damit erfüllt das Mosel Musikfestival auch ein Herzensanliegen des Pianisten. „Kit Armstrong ist es ein ganz großes Anliegen, Menschen für die Musik zu begeistern, die eventuell nicht klassische Konzertbesucher sind. Er möchte den Leuten einen niedrigschwelligen Zugang ermöglichen.“  So hat der Musiker im französischen Herson eine Kirche gekauft, in der er Konzertreihen anbietet.

Beim Festival fungiert Armstrong dieses Jahr als Artist in Residence. „Dies bietet einem Künstler die Chance, über einen längeren Zeitraum viele Facetten seiner Kunst zu zeigen und sich kreativ auszutoben“, erklärt Scharfenberger die Rolle, „wie ein Festival im Festival“. Bei Armstrong sei die Möglichkeit verschiedenartiger Auftritte wegen dessen Vielseitigkeit besonders reizvoll. So gibt der 29-Jährige, der übrigens studierter Mathematiker ist, in Treis-Karden (Kreis Cochem-Zell) auch zwei Konzerte an der historischen Stumm-Orgel. Als Organist hatte Armstrong vor fünf Jahren an der Mosel debütiert – 2016 in der Konstantin-Basilika in Trier. Wenige Meter entfernt, im Hof des Priesterseminars, präsentiert der Pianist nun zur Eröffnung des Festivals sein aktuelles Projekt, das gerade als Album bei der Deutschen Grammophon erscheint: alte englische Musik von William Byrd und von John Bull. Das Konzert ist ausverkauft.

In die Moselregion zieht es Armstrong immer wieder. „Er liebt diese Gegend“, sagt Scharfenberger, „er weiß wertzuschätzen, was es hier gibt“. 2015 war er mit Klavierlegende Alfred Brendel in der Region. Brendel nannte seinen Meisterschüler einmal „die größte musikalische Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin“.