| 20:44 Uhr

Mosel Musikfestival: 500 Besucher lauschen der Trumpet Night im Trierer Palais

Hier geht die Post ab: die Musiker um Rüdiger Baldauf (Mitte, mit Hut) im Innenhof des Kurfürstlichen Palais in Trier. TV-Foto: Rolf Lorig
Hier geht die Post ab: die Musiker um Rüdiger Baldauf (Mitte, mit Hut) im Innenhof des Kurfürstlichen Palais in Trier. TV-Foto: Rolf Lorig FOTO: (g_kultur
Trier. Rüdiger Baldauf & Friends bieten dem Publikum beim Mosel Musikfestival im Palais in Trier eine "Trumpet Night". Die mehr als 500 Besucher können gar nicht genug bekommen. Rainer Nolden

Just in dem Moment, da Tobias Scharfenberger, derzeit noch Zweit-Chef neben Hermann Lewen und ab 2018 Generalissimus des Mosel Musikfestivals, sich bei den Sponsoren der Reihe zu bedanken anhebt, unter anderem dem Hauptgeldgeber Sparkasse Trier, zieht ein Schwarm kreischender Raben am Himmel vorbei. Prompt macht der Jux vom "Pleitegeier" die Runde im Auditorium. Was angesichts der Erfolgsserie des Festivals eher unwahrscheinlich ist. Wahrscheinlicher dagegen, dass es sich um eine Abordnung britischer Raben aus dem Londoner Tower handelt, deren permanente Anwesenheit innerhalb des alten Gemäuers der Legende nach ja die Beständigkeit des britischen Imperiums garantieren soll.
Aber auch Vögel haben Existenzängste. Aufgeschreckt von der Absicht ihrer Premierministerin "Alles neu macht die May" hatten die Brit Birds vermutlich auf der Suche nach einer neuen Bleibe in Europa auch die Mosel ins Auge gefasst. Ein Plätzchen im Innenhof des Kurfürstlichen Palais wäre an diesem Abend keine schlechte Wahl gewesen, ging doch hier echt die Post ab. Denn es hatten sich versammelt der Trompeter Rüdiger Baldauf mit sieben Freunden im Geiste des Pop, Funk, Rock - und ja, ein bisschen Jazz war auch dabei.
Getreu dem Motto des Abends "Trumpet Night" hatte der aus Bensberg stammende Musiker zwei weitere instrumental-identische Mitstreiter mitgebracht: den Österreicher Andy Haderer (der mit einer wunderbar sanften Version von Kurt Weills "Speak low" den einzig wirklichen Klassiker des Abends präsentierte) und Joo Kraus, der nicht nur in sein Instrument blies, sondern auch gesanglich (etwa mit seinen melancholischen "Leaves", den farbigen Herbstblättern) zum Gelingen und moderationstechnisch zum Unterhaltungswert der Veranstaltung beitrug.
Was den Gesang angeht, konnte sich übrigens Edo Zanki den Löwenanteil des Abends sichern. Der stimmgewaltige Sänger - eine Zuschauerin erinnerte der stämmige Künstler an die Mannheimer Rockröhre Joy Fleming - wusste sich mit Liedern wie "Gib mir Musik" oder "Uns bleibt die Nacht" auch dann noch mühelos Gehör zu verschaffen, wenn seine sieben Mitstreiter voll aufdrehten.
Nachdenklich kann er aber auch: Seine Cover-Version von Gregor Meyles "Finde dein Glück" war eine Insel der Beschaulichkeit in einem Meer voller Drives und Dezibels. Dafür sorgten nicht zuletzt der Schlagzeuger Thomas Heinz, der dem Drumset atmosphärische Klänge zu entlocken wusste und im Übrigen rhythmisch raffinierte Schwerstarbeit leistete, sowie der Gitarrist Bruno Müller, der mit seiner Komposition "Spin" den Gitarrenheroen der 1970er seine Reverenz er- und dem Publikum bewies, dass er den großen Vorbildern allemal das Wasser reichen kann.
Da hatten es der Bassgitarrist Marius Goldhammer und der Keyboarder Christian Frentzen schon etwas schwerer, sich im Oktett zu profilieren. Und immer wieder Michael Jackson. Zweifellos einer von Baldaufs Lieblingsinterpreten, aus dessen Werk er sich häufig bedient und die Songs auf sehr individuelle Weise aneignet - seien es "Superstition" (noch aus der Zeit der "Jackson 5"), "Don't stop", "Wanna be starting something" oder "The way you make me feel". Mit mal messerscharfem, mal seidenpapierweichem Sound sowie einigen raffinierten Verfremdungen, quasi optischen Täuschungen fürs Ohr, übermalt er jedes Stück mit der passenden Klangfarbe.
Und für die Trierer, über deren reichliches Erscheinen er ebenso überrascht wie erfreut zu sein scheint (klar: mehr als 500 Zuschauer müssen für einen Clubgrößen gewöhnten Jazzer eine geradezu olympische Dimension sein), hat er auch noch eine Uraufführung im Gepäck. Na gut, nicht wirklich eine "Ur"-Aufführung, aber zumindest eine Neubearbeitung von "You are not alone". Die kommt in Baldaufs Interpretation zwar sehr gefühlvoll, aber erfrischend unkitschig daher, vor allem, als am Ende die Band voll aufdreht und mit dreifachem Fortissimo den Schmachtfetzen explodieren lässt. Da trocknet wirklich ganz rasch jede Rührseligkeits-Träne.
Jubel und Applaus und am liebsten noch zehn Zugaben. Vorsichtshalber greifen - nach immerhin zwei zusätzlichen Stücken - Lewen und Scharfenberger mit einem Tablett voller Biergläser (leider nur für die Musiker) ein und erlösen die Künstler aus der Beifallsfalle.