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Mosel Musikfestival: "Ein Festival muss eine Seele haben"

Setzen auf Qualität: Hermann Lewen (rechts), Intendant des Mosel-Musikfestivals, und sein Nachfolger Tobias Scharfenberger. TV-Foto: Martin Möller
Setzen auf Qualität: Hermann Lewen (rechts), Intendant des Mosel-Musikfestivals, und sein Nachfolger Tobias Scharfenberger. TV-Foto: Martin Möller FOTO: Martin Möller (mö) ("TV-Upload M?ller"
Trier. Nach mehr als 30 Jahren steht das Mosel Musikfestival (MMF) vor einem Stabwechsel. Intendant Hermann Lewen gibt die Leitung der erfolgreichen Festspiele im Lauf des Jahres 2017 weiter an Tobias Scharfenberger.

Trier. Tobias Scharfenberger ist dem Trierer Publikum als Konzertsänger durch Auftritte mit dem Trierer Konzertchor vertraut - Leitung damals: Manfred May. Er war einige Monate stellvertretender Intendant am Trie rer Theater und gilt als angesehener Musiker und als professioneller, versierter Organisator. TV-Mitarbeiter Martin Möller sprach mit Scharfenberger und dem amtierenden Intendanten Hermann Lewen über die aktuelle Situation und die Aussichten des Festivals an der Mosel.
Herr Lewen, Herr Scharfenberger, Sie sitzen hier für das Mosel Musikfestival als Duo. Wann wird das Duo zum Solo?
Lewen: Ich werde am 31. Dezember 2016 die Geschäftsführung der gemeinnützigen Festspiel-GmbH abgeben an Tobias Scharfenberger. Wir legen beide schon jetzt das Programm für das Festival 2017 fest, das damit noch unter meiner künstlerischen Leitung steht. Tobias Scharfenberger macht dann das Programm für 2018. Ich werde das Festival 2017 mit einem Beratervertrag begleiten, bis zum 1. Januar 2018.
Kann es darauf hinauslaufen, dass der Nachfolger von Hermann Lewen wieder Hermann Lewen heißt - jedenfalls inoffiziell?
Scharfenberger: Dem möchte ich doch eindeutig widersprechen (lacht). Aber um die erste Frage präziser zu beantworten: Ich denke, das Solo beginnt im Jahr 2018 - definitiv.

Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Scharfenberger: Indem ich das Festival ganz genau studiere und daraus meine Schlüsse ziehe. Es hat für einen Festivalleiter keinen Sinn, nur die eigenen Steckenpferde zu pflegen. Ich muss die Spielorte wirklich kennenlernen. Ich muss das Moseltal kennenlernen in seiner ganzen Länge, ich muss mich in die Mentalität der Menschen einfühlen, die an jeder Moselwindung etwas anders ist. 2016 ist für mich so etwas wie ein Studienjahr. Und 2017 planen wir gemeinsam. Wobei die künstlerische Handschrift noch eindeutig von Hermann Lewen stammt. Ich überlege in dieser Zeit, wo ich für 2018 die Weichen
stellen möchte.
Was ist die Idee des Festivals? Lässt sich das auf eine Formel bringen?
Lewen: Die Grundidee des Festivals, sozusagen sein Markenkern, ist ja seit der Gründung 1985 kein anderer geworden. Wir wollten in dieser gut 2000 Jahre alten Kulturlandschaft an nicht alltäglichen Spielstätten mit kulturhistorisch bedeutsamem Hintergrund hochkarätige Klassik platzieren. Und das mit weltweit gefeierten Ensembles, aber auch mit Formationen aus der Region. Wichtig war immer die "Melange". Es war ja in der Situation, die ich 1980 vorgefunden hatte, nicht so, dass es keine Konzerte gab. Gerade in und um Bernkastel-Kues gab es schon eine fantastische Kulturlandschaft. Hinzu kamen in Trier die großen Oratorienchöre, darunter Spee-Chor und Trierer Konzertchor, ...
... unter anderem mit Herrn Scharfenberger als Solist ...
... aber ich habe festgestellt, dass die Leiter Schwierigkeiten hatten, auch noch die organisatorischen Dinge auf den Weg zu bringen. Und ich bin zu ihnen gegangen und habe angeboten, ihnen diese Arbeit abzunehmen. Ich habe gesagt: "Wir sind professionell, wir können Organisation, wir können Marketing, wir kennen auch den Markt, auf dem Kultur verkauft wird - all das nehmen wir euch ab. Kümmert ihr euch um eure künstlerischen Angelegenheiten. Und wenn wir gute Solisten und gute Ensembles dazubuchen, dann tun wir das gerne und finanzieren das gemeinsam. Das war der Einstieg, und das hat sich im Lauf der Jahre immer weiter entwickelt.
Wir haben immer versucht, außergewöhnliche Projekte durchzuführen und den Musikern den Mut zu machen, an solche Projekte heranzugehen.
Herr Scharfenberger, können Sie sich vorstellen, in welchen Bereichen Sie neue Akzente setzen?
Scharfenberger: Für mich ist jetzt schon ganz klar, dass es Themensetzungen geben wird. Ich meine das nicht so kritisch, wie es jetzt vielleicht klingt - aber wenn man ein Programm so breit aufstellt wie das MMF derzeit, kann man sich in Details verlieren. Deswegen habe ich vor, das Festival weiterzuentwickeln, indem ich Themen unterschiedlichster Art aufgreife und Schwerpunkte setze.
Lewen: Ich kann das sehr gut verstehen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Festival-Landschaft deutlich verändert. Der große, schöne, qualifizierte Gemischtwarenladen - sorry, aber der ist eine Sache von "copy and paste" geworden. Wir werden jetzt von anderen kopiert. Schauen Sie sich an, dass jetzt vor der Porta Nigra ein Konzert bei freiem Eintritt stattfinden soll - zeitlich mitten in unserem Festival, was mich nicht gerade erfreut. Das ist trotzdem schön so. Aber wir waren die, die zuerst sagten: Wir müssen mal Klassik fürs Volk machen. Überhaupt: Es sind in Deutschland so viele Festivals entstanden, die unsere Idee aufgegriffen haben. Als wir anfingen, gab es in der Bundesrepublik sieben Festivals, heute sind es an die 300! Also, insoweit muss es eine neue Profilierung geben, eine klarere Linie. Man muss dann auch eine - sagen wir - neue Nische finden.

Kann man sagen, Ziel ist eine größere Tiefe des Festivals - vom Anspruch her. Ich denke an das Reger-Konzert mit Claus Kanngießer Anfang August in Machern. Alle vier Cello-Klaviersonaten von Max Reger an einem Abend, das stellt an die Hörer sehr hohe Ansprüche ...
Lewen: ... und dann geht kein Mensch hin!
Da haben wir das Problem größerer Tiefe. Kann das trotzdem eine Perspektive werden für das MMF?
Scharfenberger: Wir können das Festival jedenfalls nicht immer weiter ausdehnen. Was die Zahl der Konzerte und den Einzugsbereich angeht, ist das MMF weitgehend ausgereizt. Es muss jetzt darum gehen, sich noch stärker auf Qualität zu konzentrieren. In Trier und Umgebung weiß man übrigens gar nicht, wie sehr das MMF außerhalb der Region und sogar international geschätzt wird. Da spielen wir absolut in der Oberliga mit. Und da nicht weiter zu expandieren, sondern das Festival in die Tiefe zu entwickeln -- ich wünsche, dass mir das gelingt.
Tiefe zu wagen, hat auf jeden Fall Sinn.

Scharfenberger: So ist es. Und ich glaube, dass es dafür auch ein Publikum gibt. Ich möchte das Festival so öffnen, dass es für anspruchsvolle Besucher, aber auch für Jüngere noch interessanter wird. Ich beschäftige mich gerade mit den Fragen dazu - Stichwörter dazu sind "Akademie" oder auch "Education". Am wichtigsten ist allerdings, dass das Festival seinen künstlerischen Kern behält. Ein Festival muss eine Seele haben - etwas ganz Persönliches und Unverwechselbares. Darum geht es mir vor allem.

Was unterscheidet das MMF von der traditionellen Theater- und Konzertkultur in den größeren Städten?
Lewen: Es ist sicherlich in einer Hinsicht anders: Wir gehen in die Region, wir gehen in unterschiedliche Räume, wir setzen auf den Dreiklang von Architektur, Landschaft und Musik. Vor allem der Raum ist bei uns nicht festgeschrieben. Damit haben wir ein ganz anderes Erlebnisangebot. Das ist unser strategischer Vorteil.

Seit dem Abriss der Treviris Anfang der 1970er Jahre muss das Kulturleben in Trier ohne echten Konzertsaal auskommen. Braucht die Region ein Kulturzentrum?
Lewen: Selbstverständlich brauchen Stadt und Region ein kleines, feines Konzerthaus - nicht nur, um Konzerte dort zu machen, sondern auch als Basis für Kulturtourismus. Es ist einfach notwendig in einer Zeit, wo wir eine Anlassgesellschaft geworden sind, Anlässe zu schaffen, damit man an die Mosel und nach Trier reist. Man sieht es an den sehr erfolgreichen Ausstellungen, etwa am Trierer Nero-Projekt. Da wäre ein akustisch günstiges Konzerthaus in der Größe von ungefähr 500 Plätzen dringend notwendig.
Das muss kein mondäner Bau sein, und er muss auch nicht unbedingt in Trier stehen. Aber wenn das Haus an einer interessanten Stelle der Mosel gebaut wird, fördert es ganz entschieden den Kulturtourismus, von dem wir in der Region leben. Wir dürfen nicht bei dem verharren, was wir haben, sondern die Chancen der Kultur an der Mosel packen. Es lohnt sich auch finanziell, und ist jedenfalls sinnvoller, als in das eine oder andere marode Freibad zu investieren.
Scharfenberger: Hinzu kommt: Uns fehlen für Spitzenkonzerte eindeutig größere Räume. Wenn wir einen Weltstar ins Kloster Machern einladen, mit 250 Plätzen, dann wird das finanziell sehr eng. Und das ist auch ein Appell an die Stadt Trier. Mit einem echten Konzertsaal habe ich außerdem die Möglichkeit, neue Konzepte zu entwickeln.
Lewen. Es ist ganz einfach: Lasst uns groß denken, dann sind auch große Projekte möglich. Bei St. Maximin in Trier wurde diese Chance leider vertan.
Herr Lewen, Herr Scharfenberger, stellen Sie sich vor, Aladin mit der Wunderlampe kommt vorbei. Was wünschen Sie sich für das Festival?
(Pause) Lewen: Mein größter Wunsch ist, dass man in zehn Jahren sagt: "Mit dem Lewen war es toll, aber was der Scharfenberger daraus gemacht hat, ist einfach gigantisch.".
Scharfenberger: Ich will das nicht so sehr an meiner Person festmachen. Ich wünsche mir, dass die Stadt Trier und die Moselregion erkennen, welch reiche Kultur bei ihnen schlummert. Und was man damit an Großartigem machen kann. mö