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Mosel Musikfestival Tobias Scharfenberger Interview Elisabeth Schilling

Interview : „Wir wollen Einzigartiges schaffen“

Herr Scharfenberger, die Klavier­etüden von Ligeti sind keine gefällige Musik, sondern setzen große Offenheit für ungewohnte Hör-Erfahrungen voraus. Wen sprechen Sie mit Ihrem Schluss-Programm des Festivals 21 an?

Herr Scharfenberger, die Klavier­etüden von Ligeti sind keine gefällige Musik, sondern setzen große Offenheit für ungewohnte Hör-Erfahrungen voraus. Wen sprechen Sie mit Ihrem Schluss-Programm des Festivals 21 an?

TOBIAS SCHARFENBERGER Gefällig empfinde ich als problematischen Begriff. Die Musik ist im ersten Augenblick vielleicht nicht so vermeintlich eingängig wie Mozart, Haydn, Bach, Händel oder Brahms. Aber Ligeti fasziniert mit seiner unglaublichen Vielfältigkeit. Ligeti fühlte sich vom Jazz eines Bill Evans, vom Rhythmus und der Musik von autochthonen Stämmen Afrikas, aber auch Debussy enorm angezogen. Diesen Kosmos kann man in seinen Klavieretüden hören. Es ist ein bisschen wie bei „Alice in Wonderland“ – ein Buch, das Ligeti übrigens sehr liebte –, man muss sich auf diese Klangwelt einlassen, aber dann gibt es Fantastisches zu entdecken und das Schöne ist, dass der Tanz und die Choreographie von Elisabeth Schilling dem Publikum diesen Zugang enorm erleichtert und erschließt. Wen sprechen wir an: alle Menschen, die neugierig sind und Lust haben Neues zu entdecken.

Wie ist es Ihnen gelungen, die aus Wittlich stammende international bekannte Choreographin Elisabeth Schilling zum Festival zu holen?

 SCHARFENBERGER Elisabeth kam im Jahr 2018 mit der Idee auf mich zu. Mich hat sofort begeistert, wie umfassend sie sich bereits zu diesem Zeitpunkt mit Ligetis Schaffen auseinander gesetzt hatte, wie weit das Konzept für ihre Kreation gediehen war. Ligeti war ja auch Naturwissenschaftler und Synästhetiker, d.h. er hörte Farben. Die Idee von geordneten und ungeordneten Modellen und Systemen hat Elisabeth aus der Musik heraus auf staunen machende Weise in ihre Arbeit übersetzt. Wir konnten ihr und ihren Tänzerinnen und Tänzern dann bereits im Sommer 2020 – trotz Pandemie – die Möglichkeit bieten, fünf Wochen in Trier in St. Maximin zu proben. Das war ein wichtiger Grundstein für das Kooperationsprojekt mit so renommierten Partnern wie dem Grand Théatre Luxembourg und dem Kunstfest Weimar.

 Im Gegensatz zu früheren Schlussakkord-Konzerten mit großem Orchester, Chören und Solisten präsentiert sich das Festival avantgardistischer als zuvor. Weniger Tradition – mehr Zeitgenössisches: Wollen Sie das Profil des Festivals mehr in diese Richtung lenken?

SCHARFENBERGER Als wir den Festivalsommer 2021 im vergangenen Jahr planten, war völlig ungewiss, ob große Besetzungen überhaupt möglich sind. Der „Betrieb“ bei Orchestern und Chören läuft ja gerade überhaupt erst wieder langsam an. Die Frage lautet für mich auch nicht: weniger Tradition oder mehr Zeitgenössisches? „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“ – dieser schöne Satz vom französischen Politiker Jean Jaurè, der fälschlicherweise gerne Gustav Mahler zugeschrieben wird, beschreibt es vielleicht ganz gut, wohin die Reise geht. Darin sehen wir die Aufgabe eines Festivals: Impulse geben, Einzigartiges schaffen, Neugierde wecken, besondere Geschichten, Persönlichkeiten oder Orte der Region entdecken.