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Musical-Traum platzt vor Premiere

Elnaz Salehi. Foto: privat
Elnaz Salehi. Foto: privat FOTO: (h_st )
Trier/Bitburg. Ein Bitburger Investor will das Musical "Jeanne d’Arc" im hessischen Rhein-Main-Theater auf die Bühne bringen. Doch das Projekt platzt, der Investor taucht ab, und das komplette Ensemble steht vor den Scherben eines Traums - darunter auch eine der gefragtesten Sängerinnen der Region Trier. Jörg Pistorius und Sebastian Klipp

Trier/Bitburg. Eine alt gewordene Stummfilmdiva verkraftet das Schwinden ihres Ruhms nicht, verfällt dem Wahnsinn und tötet am Ende ihren Liebhaber mit drei Schüssen. Das Musical "Sunset Boulevard" erzählte von 1995 bis 1998 die traurige Geschichte auf der Bühne des speziell für diese Produktion erbauten Rhein-Main-Theaters im hessischen Niedernhausen. Ein Theater, das heute im Mittelpunkt eines realen Dramas steht.
Wieder sollte ein Musical dort laufen, mindestens sechs Monate lang. Eine deutsche Produktion, im Mittelpunkt Frankreichs Nationalheldin Jeanne d'Arc. Doch während die vergessene Diva in "Sunset Boulevard" ihren Liebhaber fast 1000 Mal erschießen durfte, wird Jeanne d'Arc wohl niemals in den Krieg gegen die Engländer ziehen. Das Projekt scheitert ebenso überraschend wie spektakulär. Zurück bleiben Enttäuschung und Wut, denn das komplette Team war startklar und steht jetzt vor einem Scherbenhaufen.
Auf allen Festen und Bühnen


Elnaz Salehi, Fans und Freunde nennen sie Elli, gehört zu diesem Ensemble. Die aus Teheran stammende und seit acht Jahren in Trier lebende Künstlerin sang schon auf quasi allen Bühnen und Festen der Region Trier. Ihre Vita reicht von Formationen wie Soul & More und Stone Cold Crazy vor Hunderten mitsingender Fans bis zum Duett mit dem Gitarristen Timo Heinz - einer der regelmäßigen Geheimtipps auf dem Olewiger Weinfest.
1700 Künstler haben sich für "Jeanne D'Arc" beworben, 160 durften sich vorstellen. Am 11. November hat Elli Salehi im Rhein-Main-Theater vorgesungen. "Noch am selben Tag wurde entschieden, dass meine Stimme gut zur Produktion passen würde", erzählt die 31-jährige Sängerin im Gespräch mit dem TV. "Der Regisseur, der musikalische Leiter und der Investor beglückwünschten mich und sagten, ich hätte es ins Ensemble geschafft." Es war zwar nicht die Hauptrolle, aber ein großer Erfolg und auch ein gewaltiger Schritt für Salehi, die vor der Entscheidung stand, ihren Hauptberuf als Bankkauffrau aufzugeben und Vollzeit-Profi-Musikerin zu werden.
Doch der angekündigte sechsmonatige Vertrag kam nie zustande. Während einer Urlaubsreise erfuhr Elli Salehi per Mail und über Facebook vom Scheitern des Musicals. "Ich bin unsagbar enttäuscht", sagt sie. "Ich hatte mich so riesig gefreut."
Die Abmoderation von "Jeanne D'Arc" begann mit einer Nachricht der Hauptdarstellerin Jennifer Siemann auf Facebook. Siemann, die zusammen mit Katja Berg für die Rolle der Jeanne d'Arc gecastet war, schrieb wörtlich: "Es tut mir leid, euch mitteilen zu müssen, dass ,Jeanne d'Arc' abgesagt wurde. Der Produzent ist nicht wasserdicht. Das muss man erst mal bringen."
Der Produzent - damit meint Siemann den Bitburger Florian Willmanns, Sohn von Klaus Willmanns, der die McDonalds-Restaurants in Trier, Bitburg und Kenn als Geschäftsführer leitet. Florian Willmanns (siehe Hintergrund) ist Geschäftsführer der Rhein-Main-Entertainment RME GmbH mit Sitz in Niedernhausen (Hessen). Diese Gesellschaft hat die Aufführungsrechte an "Jeanne D'Arc" vom Gallissas Theaterverlag erworben und das Rhein-Main-Theater von der Feria Bau KG übernommen.
Komplett verschwunden


Was genau geschehen ist, bleibt vorerst ein Rätsel. Willmanns selbst hat bisher keine Erklärung für die Absage des Musicals abgegeben und ist für Stellungnahmen nicht erreichbar. Der Ticketverkauf im Internet wurde zuerst gestoppt, danach verschwand die Seite des Musicals "Jeanne D'Arc" komplett von der Bildfläche und ist nicht mehr aufrufbar.
Marco K. ist ein erfahrener Bühnentechniker mit Einsätzen bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth und beim Musical Titanic am Walensee in der Schweiz. Er sollte Stage Manager bei "Jeanne D'Arc" werden und hat dafür die Wagner-Festspiele abgesagt. Er beantwortet die Fragen des TV, will aber aufgrund eines Rechtsstreits nicht mit vollem Namen genannt werden: "Am 18. März erhielt ich eine Mail vom technischen Koordinator, in welcher er mitteilte, dass er aufgrund finanzieller Aspekte mit sofortiger Wirkung das Projekt verlassen muss." Marco K. fragte nach, ob auch bei ihm die Alarmglocken läuten sollen. Die Antwort: "Alles, was läuten kann, sollte läuten." Wie auch bei Salehi kam der Vertrag nicht zustande. "Ich muss jetzt erstmal in meinen Zweitjob als Kraftfahrer zurückkehren, um nicht in eine Schuldenspirale zu geraten und meine Familie ernähren zu können."
Das Wort Insolvenz fällt zum ersten Mal konkret im Fall von Daniela Schmitz. "Mein Mann arbeitet seit zwölf Jahren als Haustechniker im Rhein-Main-Theater", sagt sie dem TV. "Bei den Verkaufsverhandlungen wurde sofort von Herrn Willmanns signalisiert, dass mein Mann übernommen wird." Auch für sie gebe es einen Job als Assistentin, habe Florian Willmanns ihr gesagt. "Er unterbreitete ein lukratives Angebot, und nach anfänglicher Skepsis unterschrieb ich Ende Oktober meinen Arbeitsvertrag." Ihren alten Job habe sie gekündigt. Dann ging es schnell. "Am 1. März trat ich meine neue Stelle an und erhielt am 24. März meine Kündigung wegen Insolvenz."
Eine Insolvenz der RME GmbH ist jedoch zurzeit nicht belegt. Die GmbH wird im Handelsregister beim Amtsgericht Wiesbaden geführt. Das Gericht hat bisher keinen Insolvenzantrag bestätigt. Florian Willmanns selbst bleibt unerreichbar, alle Versuche per Mail und Telefon scheitern.Extra

Wer etwas über den Geschäftsmann Florian Willmanns herausfinden möchte, findet mehrere Spuren in der Region. Seine Wurzeln liegen nicht in der Welt der Tänzer, Sänger und Musicalproduzenten, sondern bei Cheeseburgern, Hähnchenflügeln und Happy-Meals. 1999 trat Florian Willmanns in die Fußstapfen seines Vaters Klaus Willmanns. Dieser ist Geschäftsführer der WIR GmbH, die als Franchise nehmer mehrere McDonalds-Filialen in Trier, Bitburg und Kenn betreibt. Dort absolvierte Willmanns zunächst eine Ausbildung als Systemgastronom. Seitdem arbeitet er für das väterliche Unternehmen als Gebietsleiter. Mehrere Versuche Willmanns, eigene Projekte zu realisieren, scheiterten in den vergangenen Jahren. 2008 plante Willmanns, als Investor ein viergeschossiges Wohn- und Geschäftshaus mit Tiefgarage in der Bitburger Innenstadt zu bauen. Um dieses Vorhaben zu ermöglichen, änderte die Stadt Bitburg damals extra den 50 Jahre alten Bebauungsplan. Dieser untersagte es, Häuser mit mehr als drei Stockwerken zu bauen. Der Spatenstich erfolgte nie. 2011 hatten sich seine Pläne zerschlagen (der TV berichtete). Mit seinem Namen verbunden ist auch die Geschichte des Bitburger Restaurants "84". Willmanns taucht auf mehreren Flyern als Inhaber und Geschäftsführer auf. Heute ist das Restaurant geschlossen. Politisch engagiert Willmanns sich im CDU-Stadtverband Bitburg. Den Sprung in den Stadtrat schaffte er nicht. sek

Elnaz Salehi. Foto: privat
Elnaz Salehi. Foto: privat FOTO: Oliver_Berg (g_kultur