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Musik der verlorenen Generation

Musik der verlorenen Generation

Ein bescheidenes, schwach besetztes Konzert und doch mehr als nur eine Fußnote im Trierer Musikleben. Mit den sechs Triosonaten von Adolf Kern, Jahrgang 1906 spielte Klauspeter Bungert an der Pauliner Orgel das Werk eines Komponisten, über den die Zeit hinwegging. Kern und sein Jahrgang gehören zu einer verlorenen Generation - gerade in der Musik.

Trier. Es war ein unspektakuläres Konzert und doch eines, das im Gedächtnis nachklingt - bei manchen der 40 Besucher nachhaltiger vielleicht als manch opulentes Musik-Event. Die Triosonaten, die Adolf Kern (1906-1976) zwei Jahre vor seinem Tod schrieb, sind ganz gewisse kein Fall fürs leichte Zuhören, für die spontane Begeisterung, fürs Schwelgen im Wohlklang. Sie sind spröde, sperrig, oft abweisend. Aber sie sind Dokument eines Musikers, der sich nicht von den Nazis korrumpieren ließ und dafür mit dem Verlust seiner Karriere bezahlte.
Kern erweist sich in den sechs Sonaten als Komponist, der in dieser heiklen Gattung sein Handwerk versteht. Zwei voneinander unabhängige und doch aufeinander bezogene Oberstimmen über einem Bass - das gehört zur hohen Schule von Orgelkomposition und auch Orgelspiel.
Selbstverständlich ist in solchen Strukturen das Vorbild Bach präsent. Aber für Kern war ein ganz bestimmtes, mittlerweile historisches Bach-Bild maßgebend - die Idee vom "linearen Kontrapunkt". Die Stimmen seiner Sonaten bewegen sich nach eigenen melodischen Gesetzen. Und die Zusammenklänge, die sie durchlaufen, sind dabei sekundär - nur Ergebnisse der Stimmführung.
Überlistete Kompositionen


So spinnen sich bei Kern in den meisten Sätzen die beiden Oberstimmen geradezu eigensinnig fort. Wer dann beim Hören die schönen, die griffigen Klänge sucht, greift meist ins Leere. Nur selten, etwa im Kopfsatz der abschließend gespielten e-Moll-Sonate (Nr. 3), fügen sich die Stimmen einmal zu einer gesättigten, vollklingenden Harmonie.
Auch dem Organisten macht es Kern nicht leicht. Da kommen Taktwechsel vor (etwa 4/8 und 3/8), da häufen sich bei manchen Akkorden die Vorzeichen, da greift der Komponist im Mittelsatz der 4. Sonate zum entlegenen b-Moll, und in der 2. Sonate schreibt Kern aus höchst persönlichen Gründen für die zweite Stimme einen Altschlüssel vor - für Bratscher kein Problem, für Organisten eher ungewöhnlich.
Klauspeter Bungert hat es auf sich genommen, diese Sonaten einzustudieren. Und was ihm da an der für Triospiel nicht gerade idealen Pauliner Orgel gelingt, ist aller Achtung wert. Bungert zeichnet die Melodieverläufe dieser Musik plastisch nach und gibt ihr dazu eine erstaunlich reiche Klangpalette mit. Und gelegentlich scheint er die Kompositionen zu überlisten und entlockt ihnen unversehens eine erstaunliche, sakrale Klangfülle.
Hinter dieser Musik indes verbirgt sich eine persönliche Tragik. Adolf Kern gehört zu der Altersgruppe, die zwei Kriege, zwei Inflationen, die Wirtschaftskrise und das Nazi-Regime ertragen musste und die dann beim Aufbau der jungen Bundesrepublik mit anpackte. Von den Komponisten, die sich in der NS-Kultur nicht aufs Mitmachen einließen, haben sich nur die Allergrößten wie Karl Amadeus Hartmann im Nachkriegs-Musikleben wieder etablieren können. Kern gehört zu dieser verlorenen Generation.
Die Wiederaufführung seiner Sonaten spiegelt das Schicksal dieser Altersgruppe. Das macht die Werke über den Tag hinaus zum historischen Dokument. mö