Musik ist Medizin für die Seele

Musik ist Medizin für die Seele

"Musik hat mein Leben gerettet", bekennt der Pianist James Rhodes. In seinen Konzerten bringt er den Zuhörern die Verbindung von seelischen Zuständen und Klang nahe. Am Sonntag ist Rhodes beim Mosel Musikfestival in Trier zu Gast.

Trier Was die Hölle auf Erden ist, das hat James Rhodes erlebt. Bevor der Brite, 1975 in London geboren, zum weltweit erfolgreichen Konzertpianisten wurde, hat er Fürchterliches durchlebt. Er war fünf Jahre alt, als er von seinem Sportlehrer zum ersten Mal vergewaltigt wurde. Seitdem war der zarte, zurückhaltende Junge den Misshandlungen dieses Lehrers regelmäßig ausgesetzt, fünf Jahre lang. Er erlitt massive körperliche und seelische Schäden, die sich nie mehr ganz heilen lassen. Dass der Junge das überlebte und seinem Leben trotz vieler Probleme, Drogenexzesse und einem Selbstmordversuch dennoch einen Sinn gab, verdankt er einem einschneidenden Erlebnis. Er hörte Musik von Johann Sebastian Bach. Genauer die "Chaconne" für Violine solo in d-Moll. Die Musik habe sein Leben gerettet, sagt er heute, fast 40 Jahre später.
Die Musik sei "Medizin für die Seele", erklärt Rhodes auch in seinem 2014 auf Englisch erschienenen Werk "Der Klang der Wut", das vergangenes Jahr auf Deutsch erschien: "Sie (die Musik) leistet Gesellschaft, wo keine ist, schenkt Klarheit, wo Verwirrung herrscht, Trost, wo Verzweiflung ist, und reine, hochdosierte Energie, wenn man sich leer, gebrochen und erschöpft fühlt." Rhodes übte wie besessen, die 88 Tasten des Klaviers wurden sein Schlüssel zum Leben. Dass Klassik heute vielfach ein unsympathisches Image hat, vor allem bei jungen Leuten, ist Rhodes bewusst, er macht die Musikindustrie mit ihrem Gebaren und ihrer Moral dafür verantwortlich. Und grenzt sich in seinem lockeren Schreibstil davon ab, holt diese Musik und ihre Komponisten vom Podest der Erhabenheit und erzählt von den oft wenig glorreichen Entstehungsbedingungen.
Rhodes Buch ist eine Hommage an die Musik, die ihn am Leben gehalten hat - keine einfache Biographie. Nach dem "Präludium" ist jedes der 20 Kapitel einem klassischen Musikstück gewidmet, die der Leser übrigens auch über einen Link nachhören kann: Bach, Prokofjew, Schubert, Beethoven, Skrjabin, Ravel, Schostakowitsch, Bruckner, Liszt, Brahms, Mozart, Chopin, Schumann, Rachmaninow. Zwischen den Betrachtungen der Stücke und ihrer Komponisten und Interpreten schreibt Rhodes sich den eigenen Schmerz von der Seele. Kapitel 1 und 20 sind einem Teil aus den "Goldberg-Variationen" gewidmet. Mit ihnen versuchte Johann Sebastian Bach, einen unter Schlaflosigkeit leidenden Grafen von seinen nächtlichen Dämonen zu befreien.
In seinen Konzerten, die Rhodes gern in Turnschuhen und Pulli bestreitet, spricht er über die Werke, die er spielt, erklärt, warum er sie ausgewählt hat und was sie ihm bedeuten. Dabei werden deren Komponisten nicht ehrfürchtig angebetet, sondern kommen auch in ihren Schwächen und teilweise dramatischen Lebensthemen zur Sprache. Franz Schubert zum Beispiel, der mit 31 Jahren starb, immer pleite und abhängig von Freunden und Gönnern und "zu dessen Elend die Musik der einzige Kontrapunkt war". Oder Johann Sebastian Bach, der mit zehn Jahren schon beide Eltern und seine nächstälteren Geschwister verloren hat, der später elf seiner 20 Kinder in sehr jungen Jahren verliert, zudem seine Frau. Bach sei "umzingelt vom Tod", schreibt Rhodes.
Das Konzert beim Mosel Musikfestival am Sonntag, 1. Oktober, um 20 Uhr in der Europäischen Kunstakademie in Trier ist für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet.

James Rhodes, Der Klang der Wut. Wie die Musik mich am Leben hielt, übersetzt von Ditte Bandini, Giovanni Bandini, Verlag Nagel & Kimche, 320 Seiten, 22,90 Euro.

Karten für das Konzert am Sonntag gibt es im TV-Service-Center Trier.

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