Musikalischer Bogen von den Kelten bis heute
Trier · Die irische Sängerin Anne Wylie und ihre musikalischen Partner Maike Mohr und Henrik Mumm pflegen einen besonderen Umgang mit Folkmusik von der Grünen Insel. In der Tuchfabrik haben sie das in modernen Arrangements traditioneller und archaisch-mystischer Stücke bewiesen und dazu jazzige Klänge kombiniert.
Trier. Schon die äußerliche Erscheinung Anne Wylies - rote Locken, blasser Teint und ein in unergründlicher Wasserfarbe schimmerndes bodenlanges Kleid - lässt an Geschichten von Sagengestalten, Feen und Druiden denken. Tatsächlich schöpft Anne Wylie aus diesem Erbe ihrer Heimat und geht dabei zurück zu den keltischen Ursprüngen. Sie singt vorwiegend auf Gälisch, einer Sprache, die mit ihren kehligen Lauten allein schon ausreicht, um eine geheimnisvolle Atmosphäre entstehen zu lassen.
Ein Übriges tun die reife, klare, manchmal mit Hall verstärkte Stimme der Sängerin und eine zuweilen auch ganz minimalistische Begleitung aus hypnotischen Piano-Akkorden (Maike Mohr) und vibrierendem Bass (Henrik Mumm).
Blick in mystische Welten
Das von Wylie mit charmanten Ansagen präsentierte Programm besteht aus Eigenkompositionen, Gedichtvertonungen und überlieferten Songs. Doch anders als im landläufigen, etwa durch Stepptanzshows genährten Verständnis des irischen Folk als fröhliche Tanzmusik zum Mitklatschen wird darin ein spirituell-poetischer und zugleich moderner Ansatz verfolgt. Wenn Wylie singt, drängt sich das Bild von einer Hohepriesterin auf, deren hymnische Melodien in ferne archaisch-mystische Welten führen. Dieser Eindruck wird optisch von wabernden Nebelschwaden auf der Bühne unterstützt.
Doch ausgefeilte Arrangements, in denen traditionelle Instrumente wie Tin Whistle oder Bouzuki nur eine Randrolle spielen, dafür aber Piano, Keyboard, Kontra-, E-Bass, Cello und eine Trommel im Vordergrund stehen, schaffen alsbald wieder eine Verbindung zur Jetztzeit. Denn fast jeder Titel entwickelt sich mit Improvisationen über traditionelle Themen und sich steigernder Rhythmik zur mitreißenden Jazz-Nummer.
Mit Henrik Mumm am Bass und Maike Mohr am Piano hat sich Anne Whylie hervorragende, kreative und feinfühlige musikalische Partner gewählt, da passt wirklich alles. Und so werden Stücke wie die poetische Gedichtvertonung "Silver Apples of the Moon", das Gebet für die Erde "Uisce", das melancholische Heimweh-Lied "September Birds" oder das traditionelle "Deep Waters", Titelsong des aktuellen Albums, zu einem Hochgenuss. Das Publikum dankt es mit donnerndem Applaus.