Musikgeschichte(N)

"Bunt sind schon die Wälder", klingt es im Klassenraum. Frau Meier übt zum Erntedankfest mit ihrer Klasse das bekannte Herbstlied.

"Nochmal und nicht so schnell", ruft sie leicht genervt. "Bei dem Tempo fallen ja die Äpfel vom Baum. Ihr müsst mit Worten und Tönen malen." Max kichert: "Mit Worten malen. Kann man doch gar nicht." Kann man doch. Und das hat sogar einen Namen. Mit Worten malen nennt man Poesie, mit Tönen malen Tonmalerei oder Programmmusik. In dem schönen Lied "Bunt sind schon die Wälder" ist beides vorhanden. Ein Dichter, der in der Schweiz lebte und Johann Gaudenz von Salis-Seewis hieß, hat vor 230 Jahren den Liedtext geschrieben und darin mit Worten ein buntes Bild vom Herbst gemalt, das man sich richtig gut vorstellen kann. Seine Worte malen den Herbst als großes Landschaftsbild, zu dem Menschen und Natur gehören und das leuchtende fröhliche Farben hat, aber auch traurigere dunkle. Der Dichter erzählt von dunkelroten Blättern und gelben Stoppelfeldern, von Pfirsichen, die der Herbst mit roten und weißen Streifen bemalt hat. Er beschreibt die reifen Trauben und berichtet von Geigen und Flöten, die abends erklingen. Aber er erzählt auch von grauem Nebel und kaltem Wind. Fast 20 Jahre später hat ein deutscher Komponist, der Johann Friedrich Reichardt hieß und damals recht bekannt war, das Bild vertont. Das heißt: Er hat eine Melodie geschrieben, die in Tönen nachmalt, was wir beim Lesen des Textes empfinden. Es ist eine schöne warme Melodie mit leuchtenden Farben, ein bisschen nachdenklich, so als ob wir beim Singen das Herbstbild betrachteten. In dem schönen Lied klingt allerdings auch ein wenig Traurigkeit mit, weil jetzt der Sommer zu Ende geht. Die Zeit, in der das Lied geschrieben und vertont wurde, hieß Romantik. Das war eine Zeit, in der sich die Menschen sehr mit der Natur beschäftigt haben. Das Herbstbild in "Bunt sind schon die Wälder" steht nicht nur für das Bild einer Jahreszeit, sondern auch für den Herbst des Lebens, also die Zeit, wenn man schon älter ist. Eva-Maria Reuther