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Musikkolumne: Was Streaming-Dienste mit dem 19. Jahrhundert verbindet

ERSTE REIHE - DIE MUSIKKOLUMNE VON ANDREAS FEICHTNER : Ein Leben für die Musik

Monatlich eine Flatrate zahlen, um unbegrenzt Musik zu hören. Aus vielen Titeln auswählen, Kopfhörer auf und los. So hört sich das Jetzt an, die Streaming-Gegenwart. Nur: Das ist wirklich keine Erfindung des 21. Jahrhunderts, noch nicht einmal eine des vergangenen.

Vor 140 Jahren begann eine Ära, die fast in Vergessenheit geraten ist – das „musikalische Telefon“, wenn man so will. Firmen wie Theatrophone aus Paris boten ihren Kunden schon Ende des 19. Jahrhunderts Live-Übertragungen von Opern und Konzerten, lange vor der Radio-Erfindung – und zwar parallel und in Stereo, auch wenn der Begriff damals noch unbekannt war. Mit zwei Telefonhörern und professioneller Mikrofonierung auf der Bühne war das möglich.

Die Musikfreunde konnten aus mehreren Programmen wählen, bezahlt wurde minutenweise per Münzeinwurf oder – wie beim Budapester Telefon Hirmondo – per Abo-Modell: Das Spotify für OK-Boomers Ur-Ur-Opa, sozusagen.

Wie lange die Corona-Pandemie den „normalen“ Konzertbetrieb ausbremsen wird, weiß aktuell niemand so genau. Eine positive Seite bietet zumindest die Homeoffice-Einsamkeit der letzten Tage. Musik hören, ohne die Kollegen dabei zu nerven. Alle Macht dem Zufall – das war mein Motto, um nicht immer aus alter Gewohnheit die immer gleichen Favoriten zu hören und um was Neues zu entdecken.

Das ging dann so: Einfach willkürlich das dicke „1001 Alben, die Sie hören sollten, bevor das Leben vorbei ist“ aufschlagen, Augen zu und Finger drauf – und dann das empfohlene Album komplett durchhören, was dank Streaming-Anbietern oder Youtube kein Problem mehr ist: Da sind dann auch mal persönliche alte Favoriten darunter – wie Nick Drake, Pink Moon (1972), King Crimsons legendäres Debüt „In the Court of the Crimson King“ (1969) oder Radioheads OK Computer (1997), aber eben auch interessante Künstler, die ich bisher nicht oder kaum auf dem Schirm hatte wie etwa Sängerin Billie Holiday (Lady in Satin, 1958) oder Gil Scott-Heron (Winter in America, 1974). Der exotischste Ausflug: „Call of the Valley“ (1967) von Shivkumar Sharma war mir komplett unbekannt – erklärt aber, warum Einflüsse aus der traditionellen indischen Musik in den späten 60ern bei Hippies populär wurden.

Eigentlich eine schöne Abwechslung, brachte neue Erkenntnisse, machte Spaß. Wenn auch nur, bis mich am späten Montagabend ein Freund anrief, um mir eine sehr traurige Nachricht mitzuteilen:  Markus Sollner ist tot, Veranstalter und Promoter aus Trier – einer, der die Musik von ganzem Herzen liebte, der sie lebte. Ein liebenswerter Typ, immer mit einem Lachen im Gesicht. Er starb am Montag völlig überraschend zu Hause, mit 44 Jahren. Wir kannten uns seit unserer Jugend, immer wieder kreuzten sich die Wege. Oft bei Konzerten, manchmal auf Partys. Jahrelang veranstaltete er Konzerte im Exhaus, etwa das tolle Datapop-Festival auf der Sommerbühne 2003, mit Aftershow in der Idealbank. Er organisierte kuschelige Wohnzimmer-Konzerte abseits des Mainstreams, aber auch große Shows. Später arbeitete Markus Sollner mit Künstlern wie Manfred Mann’s Earth Band, Fish oder Wish­bone Ash. Vor drei Wochen traf ich ihn zum letzten Mal: Da organisierte er das Saga-Konzert in der Bitburger Stadthalle, kurz bevor flächendeckend alle Veranstaltungen wegen Corona abgesagt wurden. Wir dachten da schon, dass es das letzte Konzert für eine Weile sein würde. Aber doch nicht für immer. Markus, du fehlst!

Schwer, jetzt die Kurve zu einer Konzert-Empfehlung zu bekommen. Aber hier geht’s um eine gute Sache: Am 1. April, 19 Uhr, gibt es das erste Livestream-Konzert aus der Reihe „Rettet die Popkultur“ – und zwar mit Songwriter Nicholas Müller, langjähriger Frontmann der bundesweit erfolgreichen Eifeler Band Jupiter Jones und später bei Von Brücken.

Müller ist nicht nur als Musiker erfolgreich. Sein Buch „Ich bin dann mal eben wieder tot“ über sein Leben mit Angst und Panikattacken hat vielen Menschen Mut gemacht. Während des Streams werden Spenden gesammelt, die komplett an die Akteure der rheinland-pfälzischen Popkulturszene gehen.

 Nicholas Müller.
Nicholas Müller. Foto: Julia Nemesheimer

Den Stream mit Nicholas Müller gibt’s am Mittwoch, 1. April, 19 Uhr,  unter www.rettetdiepopkultur.de