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Musiktheater „Generation Z(H)ero)“ am Trierer Theater mit Jugendchor

Jugendchor : Jugendliche inszenieren Musiktheater: Z wie Zukunft

Mit dem Projekt „Generation Z(H)ero)“ schlägt der Jugendchor von Martin Folz am Trierer Theater vielfach neue Wege ein. Die Jugendlichen inszenieren dort ein Stück Musiktheater über die eigene Generation – und stellen es komplett digital auf die Beine. Die Uraufführung soll im Sommer sein.

Mit einer herkömmlichen Chorprobe hat dieser Abend Anfang März 2021 wenig gemeinsam. Martin Folz, Chordirektor am Trierer Theater, singt eine Sopranstimme, begleitet am Klavier, und füllt den ganzen Bildschirm aus. „Ist das Klavier zu laut, zu leise oder gerade gut?“, fragt er und bittet um Zeichen via Bildschirm. Dass hier 42 junge Leute gerade eine Uraufführung fürs Trierer Theater proben, lässt sich auf dem Gast-Bildschirm nicht erahnen. Nur Folz ist zu hören. In dem Online-Meeting über Zoom ist jeder Teilnehmer auf sich allein gestellt. „Wir können uns leider über Zoom nicht zum Singen treffen“, erklärt der Chorleiter, „weil es die Latenz gibt“. Die Latenz bringt Stimmen zeitverzögert ins Ohr. „Manchmal erlauben wir uns den Gag und singen eine einstimmige Stelle – es klingt einfach grottig“, erzählt Folz und lacht. Dafür hebt jeder Teilnehmer seine Stummschaltung auf.

Proben geht. „Die meisten machen das nur mit Iphone und Kopfhörer“, erklärt der Chorleiter. Eine Mädchenstimme ruft: „Martin, wie wird ,pyramids’ auf Englisch ausgesprochen?“ oder „Martin, ich hätt’ nochmal gern Takt 15“. Folz singt vor und begleitet. Wer will, kann seinen Part allein vorsingen und reichlich Applaus ernten. Alle Stimmen hat Folz vorher selbst aufgenommen und die Tonspuren samt Noten über eine Dropbox an die Jugendlichen verteilt. Es ist deren Hausaufgabe, sich alles herunterzuladen, auszudrucken und zu üben. Auch Playbacks hat Folz erstellt.

Bei einer Unklarheit im Sprechgesang schlägt Moritz (18) gleich vor, die Stelle in der Originalpartitur zu fotografieren und das Bild in die Gruppe zu schicken. „Und was passiert dann mit dem Foto?“, will der Chorleiter wissen. „Das kommt dann in unsere Gruppe, und dann schreiben wir das alle in unsere Noten.“ Eine Antwort der „Generation Z“, deren souveräner Umgang mit der Digitaltechnik das Verhältnis von Lehrer und Schüler bisweilen umzukehren scheint. Damit es zwischen den Songs und Sprechchören auch ein bisschen Chorgefühl gibt, stimmen alle zum Ausklang in die Punkrock-Hymne der Ärzte ein: „Es ist nicht deine Schuld/ dass die Welt ist, wie sie ist/ es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt ...“.

Die Initialzündung

Am Anfang des Projekts „Generation Z(H)ero“ stand ein Angebot von Theaterintendant Manfred Langner an den seit fünf Jahren bestehenden Kinder- und Jugendchor. „Damals war in Trier die Bewegung ,Fridays for future’ sehr intensiv“, erinnert sich Folz. Langner habe die Jugendlichen des Chors gefragt, ob sie nicht Lust hätten, mal was eigenes auf die Beine zu stellen.  „Ich fand es einfach wichtig, den jungen Leuten eine Stimme zu geben“, sagt der Intendant. Hier sollten sie eine Bühne bekommen, die Möglichkeit, selbst zu schreiben, ein Stück zu gestalten und auf die Unterstützung des Hauses zurückzugreifen, auf die „Geburtshelfer“, wie Langner sie nennt. Zugleich ging es im März 2020, als Corona die Aufführungen des Musicals „Oliver!“ stoppte, darum, den Chor am Leben zu halten, der damals mehr als 60 Mitglieder zwischen 12 und 19 Jahren hatte.

Die Jugendlichen

Die Idee stieß auf Begeisterung. „Wir haben mit etwa 30 Leuten gebrainstormt“, erzählt Johanna (18) über den Anfang vor einem Jahr. „Es war Grundkonsens, dass ,Fridays for future’ uns alle sehr interessiert, der Klimaschutz, der Umweltschutz, unsere Zukunft. Dieses Wort Zukunft war ein zentraler Bestandteil in allem, was wir gemacht haben.“ Und Moritz ergänzt: „Wir erzählen von unserer Perspektive, was uns bewegt, was für uns wichtig ist.“ Die Themen reichen von Sexualität und Sexismus über Krieg und Flucht bis hin zur Identität als heutige Jugendliche. „Wie viel Hero steckt in Zero?“, bringt Folz es auf den Punkt.

Geschrieben haben die Jugendlichen ihr Stück komplett selbst – und zwar gemeinsam. Geht das? Aus Kreativ-Workshops bildeten sich Schreibgruppen, die die Szenen zu viert oder fünft erarbeitet haben. „Es ist wirklich ein digitales Stück“, sagt Johanna. „Das Schreiben ist digital passiert.“ Über Zoom, Chats und Telefon hätten sie so lange diskutiert, bis die Szenen fertig waren. Ohne Hin- und Herschicken von Mails.

Elena Geibel (18) konzentrierte sich auf Bühnenbild und Kostüme. Für „Generation Z(H)ero“ hat sie sich ein mobiles Endgerät zugelegt, auf dem sie auch zeichnen kann. Ein Staunen geht durch die Runde, als sie auf dem Bildschirm erstmals ein Bühnenbild präsentiert, samt Farbkonzept und Logo-Vorschlägen. „Ich habe mich von Anfang an eher als stille Beobachterin gesehen und geguckt, wie ich die Ideen der verschiedenen Teams zusammenfassen kann in einem Raum, so dass man das auch szenisch umsetzen kann“, sagt sie. Es sei schwer, sich das vorzustellen, wenn man alles nur digital mache.

Und die Musik?

„Wir haben Lieder ausgesucht, die Teil der Popkultur sind“, erklärt Lina (19). Es seien aber auch ein selbst komponiertes Stück, mehrere Kompostionen von Martin Folz sowie manches aus dem Repertoire des Chores dabei. „Die Maßgabe war: Es gibt kein Playback!“, sagt Folz. „Wenn ein Stück aus ,Avatar’ kommt, dann müssen wir auch Menschen finden, die das singen können – egal mit welcher Popgröße die sich messen lassen müssen.“ Die vierköpfige Band besteht aus zwei Keybordern, einem Drum-Set und einer Gitarre.

Was das Theater bewirkt

Täglich außer sonntags sind Proben – Schule hin oder her. Carola Ehrt, Konzertpädagogin am Theater, erstellt Wochenpläne, auf denen, wie bei den Profis, von Montag bis Samstag Proben stehen. Mit dabei sind neben Folz unter anderem Schauspieler Stephan Vanecek, FSJ-lerin Emma Heger als Regieassistentin, Dramaturg Philipp Matthias Müller und Langner. „Ich bewundere, wie viel Energie und Kreativität da ist“, schwärmt der Intendant. „Das hat nicht jedes Theater. Es ist eine wirkliche Ausnahme.“

Seinen Dank geben die Jugendlichen prompt zurück: „Wir lernen nirgendwo so viel, wie wir jetzt in den fünf Jahren am Theater gelernt haben“, sagt Johanna. Das sei „was anderes als einfach nur ein Hobby“, ergänzt Elena. Dass sie die Gelegenheit bekamen, mit den Theaterprofis zu arbeiten, sei eine riesige Chance. Vielleicht wächst das Projekt – so „unglaublich am Puls der Zeit, dieser Generation“ (Folz) – über Trier hinaus. Möglichst noch in dieser Spielzeit soll die Uraufführung sein.

Strukturwandel im Theater

 Blick auf das Bühnentableau von Chormitglied Elena Geibel: Hinten eine Zeichnung der Bühne, an den Seiten die mögliche Farbskala und Logo-Vorschläge  .
Blick auf das Bühnentableau von Chormitglied Elena Geibel: Hinten eine Zeichnung der Bühne, an den Seiten die mögliche Farbskala und Logo-Vorschläge . Foto: Anne Heucher

Ein Gutes hat Corona fürs Musiktheater schon gebracht, ist Martin Folz überzeugt, nämlich die Erkenntnis, „dass wir dringend neuere und neue Produktionen brauchen und nicht nur ,Hänsel und Gretel’, wo dann ganz anrührend der Kinderchor auftritt“. Gefragt seien „wirklich aktuelle Stoffe für professionelles Musiktheater“. Er sei deutschlandweit in Netzwerken mit anderen Chordirektoren unterwegs, so Folz, auch solchen von großen, bedeutenden Häusern, und alle erhofften sich dringend „gut gemachte neue Stücke mit Uraufführungen“, an denen Kinder und Jugendliche beteiligt sind. „Das werden keine großen ,Aida’-Produktionen mehr, aber das ist nicht schlimm.“ Eine Auffassung, die beim Intendanten schon angekommen ist: „Ich möchte in jedem Falle, dass dieser Chor weiter wächst.“