Mut und Weitsicht eines Schreiners

Mut und Weitsicht eines Schreiners

Ein einzelner Mensch hätte die Weltgeschichte verändern können. Wäre Georg Elsers Attentat auf Hitler 1939 geglückt, hätte es vielleicht den Holocaust nicht gegeben - so sieht es der Regisseur Oliver Hirschbiegel, der dem mutigen Schreiner nun ein filmisches Denkmal gesetzt hat.

München. 9. April 1945 - Nur noch wenige Wochen, und der Krieg ist vorbei, die Nationalsozialisten sind am Ende. Für Georg Elser kommt die Befreiung allerdings zu spät. Er wird an diesem 9. April im Konzentrationslager Dachau ermordet. Zum 70. Jahrestag seines Todes kommt nun der Film "Elser - Er hätte die Welt verändert" ins Kino, der das Leben und die Motive des Mannes nachzeichnet, der im November 1939 versucht hatte, Adolf Hitler zu ermorden. Das Attentat im Münchner Bürgerbräukeller scheiterte, weil Hitler die Veranstaltung früher verließ als erwartet. Regisseur Oliver Hirschbiegel (Foto: dpa) bewundert vor allem die Hellsichtigkeit Elsers: Dieser habe schon 1938 erkannt, dass die Nationalsozialisten gestoppt werden müssten, sagte er Cordula Dieckmann im dpa-Interview. Elser wurde lange nicht als Widerstandskämpfer anerkannt. Andere wie die Verschwörer des 20. Juli waren sehr viel prominenter. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach? Oliver Hirschbiegel: Schlechte beziehungsweise keine existierende Lobby für Arbeiter. Das ist im ersten Reflex das, was ich sagen würde. Dann hat Elser von Anfang an diesen üblen Beigeschmack gehabt von Verräter, der von den Engländern und den Amerikanern gesteuert wurde. Das haben die Nazis ja genauso publiziert. Was bewundern Sie an ihm? Hirschbiegel: Er ist der Einzige, der hellsichtig im Jahr 1938 sagte, dass die Nationalsozialisten gestoppt werden müssen, weil das sonst zu Blutvergießen führen wird und zu einer Katastrophe in Europa. Das ist natürlich in der Rückschau ein Schandfleck, dass er kein Intellektueller war, niemand aus der Elite, sondern ein mittelloser Schreiner aus dem Schwabenländle.War es denn politische Weitsicht oder mehr ein Gefühl, aus dem heraus er das Attentat geplant hat? Hirschbiegel: Ich nenne das Hellsichtigkeit. Diese Hellsichtigkeit war viel politischer, das hatte Sebastian Haffner (Anm.: deutscher Publizist, 1907-1999) auch, aber der hat wie viele andere das Land verlassen. Elser hatte das in sich, er war ein Freigeist, jemand, der an die Selbstentfaltung jedes Individuums glaubte. Und der das aus dem Innersten nicht ertrug, dass er da beschränkt werden sollte. Es war ihm gar nicht verständlich, was das sollte. Diese Massenbewegung, dieser Gleichschritt, diese absolute Gleichschaltung, das machte ihm wahrscheinlich körperlichen Schmerz. Eigentlich ein sehr heutiger Mensch. Gibt es heute so viele Freigeister? Hirschbiegel: Ja, auf jeden Fall. Seit der Hippiezeit haben wir eine andere Haltung zum Leben, was wirklich Lebensqualität ist und was Freiheit bedeutet. Das Infragestellen jeglicher Autoritäten. Das hat alles in den 1960ern angefangen, und das leben wir heute sehr viel mehr als die Generationen vor uns.Man kann es aber auch so sehen, dass viele sich heute Autoritäten unterordnen, die weniger offensichtlich sind. Weniger politische als gesellschaftliche Zwänge. Hirschbiegel: Und der Konsumzwang. Aber auch da wäre Elser mit Sicherheit einer von denen, die sagen würden, ich mache nicht mit. Das ist eine Form von Zwang, die ich nicht einsehe. Diese Verschwendung von Geld an Luxusartikel, dieses zwanghafte Anhäufen von Reichtum, das ist ungerecht im Vergleich zu all den anderen Menschen in der Welt, die hungern. Er wäre wahrscheinlich der Erste gewesen, der karitativ tätig wäre oder sich einer humanitären Sache verschrieben hätte.Sie haben für den Film den Untertitel gewählt "Er hätte die Welt verändert". Kann man das so sehen? Elser hätte Hitler umgebracht und uns wären die Schrecken danach erspart geblieben? Hirschbiegel: Bis auf (Martin) Bormann und (Hermann) Göring waren alle Nazi-Größen im Saal, die wären alle mit ihm tot gewesen. Als Hobbyhistoriker sage ich, es gibt eine relative Wahrscheinlichkeit, dass die revanchistischen Kräfte in der Wehrmacht darauf gedrängt hätten, Frankreich anzugreifen. Einfach um diese Schmach des Versailler Vertrages zu tilgen. Der Holocaust hätte aber nicht stattgefunden, weil die Deutschen an sich kein antisemitisches Volk sind. Das war ein populistischer Hebel von Fremdenfeindlichkeit, der benutzt wurde, um an bestimmte Gruppen von Wählern heranzukommen, so wie man das heute auch wieder beobachten kann. Der Antisemitismus an sich ist aber nicht in Deutschland verankert, der ist viel schlimmer in anderen Nationen. Wäre so ein System wie der Nationalsozialismus in Deutschland Ihrer Ansicht nach heute denkbar? Hirschbiegel: Ich habe das Gefühl, Deutschland ist da angekommen, wo eine Demokratie landen sollte. Es gibt eine Grundhaltung der Masse: Hinterfragen, nicht akzeptieren. Im Zweifel das gute alte deutsche Besserwissen, was natürlich nie stimmt. Das ist eine gute Methode, um Systeme zu hinterfragen. Extra

Oliver Hirschbiegel war 2004 für seinen Film "Der Untergang" über die letzten Tage Adolf Hitlers im Führerbunker für den Oscar nominiert. Auch wenn er leer ausging, war der Film für den gebürtigen Hamburger die Eintrittskarte ins englischsprachige Filmgeschäft. Es folgten Filme wie "Invasion" mit Nicole Kidman, "Five Minutes of Heaven" über den Irlandkonflikt und "Diana" mit Naomi Watts. "Elser" ist Hirschbiegels erste deutsche Produktion nach neun Jahren. dpa

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