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Mut zu großen Gefühlen

Mut zu großen Gefühlen

Spannungsgeladen, differenziert, kraftvoll: Dem Friedrich-Spee-Chor geriet Verdis "Requiem" in St. Maximin zu einem Highlight des Trierer Konzertjahres. Die Aufführung traf Verdis "Theater des Todes" auf den Punkt.

Trier. Ein Chor drückt sich nicht nur dadurch aus, wie er singt. Da ist auch so etwas wie Körpersprache. Wenn die Sänger-Hundertschaft vom Friedrich-Spee-Chor immer wieder das Grauen des Jüngsten Gerichts beschreibt, dann springt sie förmlich auf, fährt dazwischen mit der Macht des Furors, baut sich auf wie eine Drohkulisse. Da ist Wucht und Verve, und doch auch immer wieder Differenzierung, leise Töne, präzise Pausen. Und eine filigrane Ausgeglichenheit der Stimmlagen und Geschlechter.
Verdis Requiem ist - trotz der Form einer Totenmesse - keine Kirchenmusik, sondern große Oper. Wer sich auskennt, kann die Querverbindungen zu Don Carlos, Aida oder Otello heraushören. Dirigent Sebastian Glas hat den Mut, das auszuspielen, die tiefe Emotion zuzulassen, ohne sie zum Show-Effekt zu degradieren. Er beginnt mit kluger Zurückhaltung, dämpft das Orchester, lässt den Chor flüstern. Um dann um so fetziger loszulegen.
Glas dirigiert gelassen, aber pointiert, ohne überflüssige Pose. Wo seine Sänger, wie beim Doppelchor des "Sanctus", kurz die Markanz zu verlieren drohen, greift er entschieden ein. Das Philharmonische Orchester der Stadt Trier bleibt konsequent bei der Stange, hochkonzentriert auch gegen Ende, wo schon die ewigen Lichter leuchten und andere Klangkörper ins Schludern geraten. Die starken Bläser marschieren voran. Da leiert und schleift nichts, dieser Verdi federt und grollt, liefert intensive Aufschreie und balsamischen Trost.
Von den vier Solisten vermittelt vor allem die Altistin Marion Eckstein ein uneingeschränktes Glückserlebnis. Nobles Timbre, Ausdrucksstärke und ein angemessener, "opernmäßiger" Duktus vereinigen sich zu einer musterhaften Interpretation. Bassbariton Vinzenz Haab, fraglos ein Souverän, klingt für Verdi vielleicht eine Spur zu gepflegt und oratorienhaft. Tenor Marc Dostert macht mit einem innigen, stimmschönen "Ingemisco" auf sich aufmerksam, lässt aber da, wo es auf Volumen ankommt, ein Quäntchen dramatische Durchschlagskraft vermissen. Und Sopranistin Ursula Thies braucht lange, ehe sie den Mut fasst, es mit dem Orchester aufzunehmen und im finalen "Libera me" kraftvolle Akzente zu setzen. Trotz einzelner Einwände: eine mehr als respektable Besetzung.
Am Ende reichlich Beifall des sichtlich beeindruckten Publikums. Aber auch einmal mehr die Erkenntnis, dass die Akustik von St. Maximin im aktuellen Turnhallen-Zustand jenseits der 20. Reihe ein unbefriedigendes Klangbild liefert, das für instrumentale Finessen und Wortverständlichkeit zu wenig Raum lässt. Ein Konzert dieser Qualität hätte Besseres verdient.