| 20:51 Uhr

Mutter Courage hat den Blues

Herausragend in der Darstellung: Barbara Ullmann als Mutter Courage und Antje-Kristina Härle als deren stumme Tochter Kattrin. TV-Foto: Friedemann Vetter
Herausragend in der Darstellung: Barbara Ullmann als Mutter Courage und Antje-Kristina Härle als deren stumme Tochter Kattrin. TV-Foto: Friedemann Vetter
Trier. Neuer Blick auf ein altes Bühnen-Schlachtross: Brechts "Mutter Courage" kommt im Trierer Theater mit ungewohnten Perspektiven und frischer Musik auf die Bühne - und erweist sich als zeitlos-aktuelle Auseinandersetzung mit dem Kriegsgeschäft. Von unserem Redakteur Dieter Lintz

Warum ist der Krieg nicht auszurotten, obwohl es am Ende doch nur Verlierer gibt? Weil, so sieht es Brecht, zu viele Menschen glauben, dass sie vom Krieg einen Vorteil haben. Mutter Courage, die an der Front ihre Handelsgeschäfte macht. Der Feldprediger, der davon lebt, dass er ein Regiment schwindlig reden kann, so dass es wie eine Hammelherde in den Tod geht. Der Werber, der für jedes neue Kanonenfutter seine Prämie einsackt. Der Feldwebel, für den nur im Krieg alles seine Ordnung hat, weil "Frieden Schlamperei ist". Courages Sohn Eilif, der gerne ein Held werden will - und am Ende daran zugrunde geht, dass eine Tat, die im Krieg mit Orden belohnt wird, in zivilisierteren Zeiten als Verbrechen gilt.

Brecht lässt sie alle durch das Elend des Dreißigjährigen Kriegs ziehen, Regisseurin Judith Kriebel macht daraus ein zeitloses Roadmovie. Immer wieder steht ihre Titelfigur an einer gesichtslosen, anonymen Straße, ruhelos, stets dem Krieg und damit ihrem "Business" hinterherlaufend. Nicht mit dem traditionellen Karren, sondern mit Roll-schrankkoffern, die - je nach Konjunktur - mal besser, mal schlechter mit Waren ausgestattet sind.

Barbara Ullmann ist keine alte, gebeugte Marketenderin, sondern eine (auf Neudeutsch würde man sagen: taffe) Geschäftsfrau, alleinerziehend, gewitzt, nie um Antworten verlegen. Aber doch auch ein unendlich einsamer, zwischen Profitstreben, Angst um ihre Kinder und tief versteckter Liebessehnsucht zerrissener Charakter. Also eine ausgesprochen moderne Figur, ohne dass man Brecht dafür auch nur minimal verbiegen müsste. Das ist eine spannende Sichtweise, von krampfhafter Aktualisierung ebenso weit entfernt wie von gemütlicher Musealität.

Regie und Ausstattung spielen mit den Zeiten: Gerd Friedrichs offene, rohe Bühne ist dominiert von verbogenen Masten, die an die Überreste eines Bombenangriffs erinnern, die Uniformen (Kostüme: Carola Vollath) skizzieren den "Universal soldier", der schon mal durch Wenden der Jacke die Farben und Fronten wechselt. Der Werber ist "Uncle Sam", von der Decke hängt ein großer Wallenstein-Prospekt, im Hintergrund werden Luftüberwachungsbilder projiziert, der Feldprediger trägt die Friedenstaube auf der Jutetasche. Klare Botschaft: Die Zeiten mögen sich geändert haben, der Krieg ist geblieben, was er schon immer war: die Fortführung der Geschäfte mit radikaleren Mitteln.

Dass bei der jungen Regisseurin zwischendurch Stringenz und Spannungsbogen etwas schwanken, wird mehr als wettgemacht durch die bestechende musikalische Einrichtung von Angela Händel. Die abgehangenen Paul-Dessau-Melodien rocken, swingen, erzählen ihre ganz eigenen Geschichten. Mutter Courage hat den Blues, aber die starke Band (Christoph Haupers, Peter Kasper, Matthias Lang) wird nie glatt oder gefällig, Händel verrät das Original nicht. Der Gesang bleibt brechtisch-spröde und dissonant, ist allerdings manchmal zu leise ausgesteuert.

Das Schauspielensemble (Helge Gutbrod, Tim Olrik Stöneberg, Peter Singer, Michael Ophelders, Hans-Peter Leu, Manfred-Paul Hänig, Sabine Brandauer, Elke Becker) ist konzentriert bei der Sache, neben Barbara Ullmann ragt Antje-Kristina Härle heraus. Sie spielt Courages stumme Tochter Kattrin nicht als mitleiderregendes Opfer, sondern als junge Frau, deren vehementer, manchmal fast aufmüpfiger Anspruch ans Leben durch den Krieg ruiniert wird.

Am Ende lässt Judith Kriebel, genialer Kunstgriff, die Courage das Schlusslied alleine singen, fast besinnungslos vor Trauer um den Verlust ihrer Kinder und dann doch wieder dem Krieg und ihren Geschäften hinterherlaufend. Täterin oder Opfer? Hat sie die Wahl, etwas anderes zu sein als eine "Hyäne der Schlachtfelder"? Es gibt keine wohlfeile Moral. "Von allen Figuren auf der Bühne war ja keine richtig sympathisch", sagt meine 14-jährige Tochter verwundert beim Rausgehen. So hätte es Brecht gefallen. Ausgiebiger Beifall beim Premierenpublikum.

Weitere Vorstellungen: 12., 13. und 15. April, jeweils 20 Uhr.