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Nach 107 Tagen hat der Opernchor des Trierer Theaters im Brunnenhof vor Publikum gesungen.

Theater Trier : Ein Abend voller Emotionen und Liebe

Nach 107 Tagen hat der Opernchor des Trierer Theaters im Brunnenhof wieder vor Publikum gesungen. Endlich! Der Titel ihres Programmes „Nun ihr Musen – genug geschwiegen“ spricht Bände.

Lange genug haben alle auf diesen Tag gewartet. Ganz besonders aber Martin Folz. Der ist zwar in erster Linie kein Sänger, aber dafür Opernchordirektor am Theater Trier. Die wochenlange Zwangspause wegen der Corona-Pandemie hat das Ensemble samt Leiter arg gebeutelt. Damit ist jetzt Schluss! „Nun ihr Musen – genug geschwiegen“ nennen sie in leichter Abwandlung von Goethes Zitat etwas trotzig ihr Programm und demonstrieren hochmotiviert, wie sehr sie ihr Publikum vermisst haben.

Und so springt Martin Folz an diesem lauen Sommerabend strahlend auf die Open-Air-Bühne, um die 150 Zuhörer zur Reihe „Theater live im Brunnenhof“ zu begrüßen: „Herzlich willkommen zu diesem Konzert.“ Pause. „Du lieber Gott. Wie lange habe ich diesen Satz nicht mehr sagen können.“

Mit einer kleinen Anekdote zu einem missglückten Liebesbrief, den er als Teenager einer Angebeteten geschrieben hatte, leitet er zu den beiden wichtigsten Themen im Leben über: die Liebe und die Musik. Und wer hat diese Sujets launiger, inniger und volksnäher in Töne gesetzt als Johannes Brahms in seinen Liebesliederwalzern? Genau. Folz scheint mit Brahms einer Meinung, der sagte: „Übrigens möchte ich doch riskieren, ein Esel zu heißen, wenn unsere Liebeslieder nicht einigen Leuten Freude machen.“ Die Texte, aus der Sammlung Polydora von Georg Friedrich Daumer und aus freien Nachdichtungen internationaler Volksdichtungen zusammengestellt, bewahrte Brahms durch seine Vertonung vor dem Vergessen. Wär‘ schade drum gewesen.

Während die Zuschauer gerade noch in „Wie des Abends“ schwelgen, gellt plötzlich eine keifende Stimme über den Brunnenhof. Marsha Zimmermann bahnt sich ihren Weg auf die Bühne, schimpfend wie ein Fischweib. Keine Sorge. Das hat nichts mit dem Gesang zu tun. Marsha moderiert. Im Laufe des Abends rezitiert sie immer wieder Auszüge von literarischen Texten und Liedern. Nun eben mimt sie die „Die wundersame Schustersfrau“ von Federico Garcia Lorca. Eine 18-Jährige, die einen Greis geheiratet und nun die Nase voll hat. Marsha Zimmermann schaltet sich immer dann ein, wenn man gerade nicht mit ihr rechnet. Erzählt Wundersames über die Liebe und das Leben. Ist glücklich und todunglücklich. Bezirzend, nachdenklich, frech, stellt sie alte Poesie moderner Poesie gegenüber.

Und das Ensemble? Es singt mit Abstand und bis auf den ­Schlusschor nie zusammen. Es entstehen für einen Opernchor, der im Theater meist für Massenszenen eigesetzt wird, eher ungewöhnliche Gruppierungen: im Duett, Terzett, Quartett, Quintett, gelegentlich ein Solo. Die Sänger interpretieren ihren Brahms mit so viel Hingabe, Leidenschaft und Freude, als gäbe es kein Morgen. Als würde das Ensemble all die angestaute Energie der vergangenen 107 Tage ohne Chorgesang und Auftritte und Publikum mit einem Mal verströmen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Gemeint ist Energie, nicht die viel diskutierten Aerosole.

Zwei Sammlungen zu je 18 Walzer hat Brahms komponiert (opus 52 und 65) –  13 davon hat Martin Folz ausgesucht, der gemeinsam mit Malte Kühn die Sänger an je einem Klavier begleitet.

Der Abend neigt sich zu Ende, die musikalischen Gemüter beruhigen sich: „Musica, die ganz lieblich Kunst...“ von Renaissance-Komponist Johann Jeep erklingt als Quartett ebenso wie das Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius.

Der eigentliche Höhepunkt ist der neuerlichen Lockerung der Corona-Maßnahmen gedankt: Bei dem Volkslied „An Irish Blessing“ singt der ganze Opernchor zusammen: fünf auf der Bühne, der Rest links und rechts im Hof verteilt. Sie singen heraus, was ihnen am Herzen liegt: „Until we meet again.“ (Bis wir uns wiedersehen).

Weil außergewöhnliche Umstände ungewöhnliche Maßnahmen erfordern, hier alle Chorsänger auf einen Blick:
Hee-Gyoung Jeong, Regine Buschmann, Angela Pavonet (in Elternzeit), Cynthia Nay, Motoko Sano, Silja Schindler, Sotiria Giannoudi und Elli Yoon, Iskra Georgieva Bakalova, Noriko Kaneko, Silvia Lefringhausen, Silvie Offenbeck, Andrea Azzurrini, Joong-Uk Chung, Yuri Dolgopolov, Fernando Gelaf, Sergej Snegirev, Wolfram Winter, Carsten Emmerich, Tim Heisse, Hak-Ill Kim und Marc Kugel.