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Nach dem Sieg ist vor dem Absturz

Nach dem Sieg ist vor dem Absturz

Das Finale von "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) mit den Kandidaten "Pumuckl" Daniele Negroni (16) und Mädchenschwarm Luca Hänni (17) rückt näher. Zwei Tage vorher gab Sender RTL angeblich irrtümlich den Sieger Negroni bekannt. Doch auch der kommende Sieger wird nur ein Strohfeuer entfachen. Denn Castingshows sind nicht der Ort, wo Stars geboren werden.

Köln. Es muss in der dritten oder vierten Staffel von DSDS gewesen sein, da stand plötzlich Alexander Klaws, Sieger der ersten Staffel, auf der Bühne. Man rieb sich verwundert die Augen und fragte sich erst "Was macht der hier? Der hat doch schon gewonnen." Und dann, nachdem er seine neue Single vorgestellt hatte: "Wie konnte der jemals gewinnen?"
Dabei machte Klaws alles richtig. Jeder Tanzschritt, jede Note saß perfekt. Doch das Entscheidende fehlte: Ausstrahlung, Charisma. Und plötzlich begriff man, warum keiner dieser "Superstars" jemals ein Star werden würde.
Aber das hatten die Fernsehsender sowieso nie vorgesehen. Auch wenn die Titel der Castingshows diesen Eindruck vermitteln: Es geht nicht darum, eine herausragende Stimme ("The Voice of Germany") zu finden, "Popstars" zu entdecken oder die Nachfolgerin von Claudia Schiffer und Eva Padberg zu küren ("Germany\'s Next Top Model"). Castingshows sind Selbstzweck. Sie werden produziert, weil sich damit gute Einschaltquoten und folglich hohe Werbeeinnahmen erzielen lassen. Wenn durch Telefonabstimmungen, wie bei DSDS, noch mehr Geld in die Kasse gespült wird - umso besser!
Bloß, was treibt den Zuschauer vor die Glotze? Natürlich kommen schadenfrohe Gemüter bei den miesen Psychospielchen einer Heidi Klum und den verbalen Tiefschlägen eines Dieter Bohlen auf ihre Kosten. Aber dies erklärt nicht den Erfolg von "menschlicheren" Ablegern wie "The Voice". Dort wird nicht gedemütigt, sondern gelobhudelt. Doch das Prinzip ist das gleiche: Konkurrenz.
Damit stehen Castingshows in der Tradition der großen Spiel- und Wettkampfshows der 60er bis 90er Jahre. Ob "EWG - Einer wird gewinnen", "Am laufenden Band", "Geld oder Liebe", "Familien-Duell" oder "Traumhochzeit" - stets traten Einzelpersonen oder Teams gegeneinander an. Die Sachpreise und Geldbeträge, die es dabei zu gewinnen gab, muten im "Wer wird Millionär"-Zeitalter knausrig an.
Die Aussicht auf eine neue Waschmaschine oder zwei Wochen Urlaub an der Costa Brava würde heuer nur ein müdes Lächeln hervorrufen. Mit ein paar Wohlstands-Sahnehäubchen gibt sich keiner mehr zufrieden. Man muss den Leuten schon mehr bieten. DSDS macht es vor. Dort drängeln regelmäßig über 30 000 Leute zum Vorsingen. Diese Menschen wollen keine neue Wohnzimmergarnitur; sie wollen ein neues Leben. Sie sind es leid, Handys oder Dessous zu verkaufen, und glauben, es wäre einfacher, sich selbst anzupreisen.
Sie wollen groß sein und machen sich dafür klein, buhlen um die Gunst von Jury oder Coach - und begreifen nicht, dass ein echter Star dies nie tun würde. (Oder kann sich jemand Lady Gaga oder Kate Moss in einer Castingshow vorstellen?). In ihrem Bemühen, schnell nach oben zu kommen, erinnern Bohlens "Superstars" und Klums "Top Models" an übereifrige Azubis, die ihrem Chef zu imponieren suchen und gar nicht merken, wie die Kollegen sich über sie lustig machen.
Selbst der Staffelgewinn ist nur ein Pyrrhussieg. Spätestens mit Beginn der Nachfolgestaffel rücken die Finalisten des Vorjahrs ins zweite Glied. "Superstars" wie Alexander Klaws oder "Popstars" wie Indira Weis (Bro\'Sis) wissen ein Lied davon zu singen. Sie haben sich, mangels beruflicher Alternativen, eingereiht ins riesige Söldnerheer der Unterhaltungsindustrie. Dort müssen sie als Musical-Tarzan (Klaws) oder RTL-Dschungel-Jane (Weis) für ein wenig Amüsement sorgen, wenn sie sich nicht gerade beim "Perfekten Promi-Dinner" oder "ProSieben Promiboxen" mit anderen Halbberühmtheiten herumschlagen.
Gelegentlich springt auch mal eine Hauptrolle heraus. So trat Indira Weis bei den Antikenfestspielen 2005 als "Gast-Star" im Musicalflop "Quo Vadis" auf. Man kann ihr nur wünschen, dass sie wenigstens gut bezahlt wurde.