Nachts im Café

Bisweilen packt einen Durchschnitts-GEZ-Kunden angesichts des öffentlich-rechtlichen Fernsehangebots der Gebührenzahler-Blues. Zur besten Sendezeit pilchert und lindströmt es durch die Kanäle, mit meinem guten Geld werden Telenovelas und Daily Soaps gedreht, wie es kein Privatsender besser könnte, und bei den Talkshows hängen mir all die Lanz' und Beckmanns und Maischbergers und Wills mit ihren manirierten Showmastern und der ewig gleichen Gäste-Schar zum Hals raus.

Oder kann wirklich noch jemand die Herren Henkel, Jörges, Geißler, Blüm und Konsorten auf dem Bildschirm ertragen?

Aber wenn ich dann mal wieder über einen Gebührenboykott grübele, fällt mein Blick beim Zappen von Zeit zu Zeit auf ein Kleinod wie das "Nachtcafé" im Südwest-Dritten. Keine Einschlafhilfe für Esoteriker und Intellektuelle, sondern ein seit mehr als 20 Jahren - auch quotenmäßig - erfolgreiches Talk-Format, das sich allfreitaglich gegen das belanglose Promigesülze bei "Riverboat" (MDR)oder "3 nach 9" (NDR) behauptet.

Die Themen sind nicht "groß", sondern eher alltäglich. Aber nach 90 Minuten ist man eigentlich immer schlauer als vorher, will heißen: Das "Nachtcafé" trägt zur Klarheit bei, wo die meisten anderen Talkshows allenfalls Verwirrung hinterlassen.

Das hat mit einer intelligenten Auswahl der Gäste zu tun: keine Krawallbrüder und -schwestern, deren Funktion darin besteht, Schaum zu schlagen. Promis nur wohldosiert, aber dann oft mit Erkenntnissen, die man von ihnen nicht erwartet hat. Und viele Leute, die einfach etwas zu erzählen haben, als Menschen, nicht als Verbandsvertreter oder Parteifunktionäre.

Das Erfolgsgeheimnis liegt aber auch beim Moderator. Über Wieland Backes hat der Stern mal geschrieben, er sei "Typ Bankangestellter mit der Kernkompetenz Kleinkreditberatung", und die "Zeit" analysierte ihn als "altmodisch mit seiner sanften Ruhe und seiner beharrlichen Nettigkeit". Aber genau das ist es. Mit Backes würde man auch als Zufallsbekanntschaft im Zugabteil über die Probleme des Lebens reden. Und dabei viel mehr über sich verraten als etwa Beckmanns pseudoinvestigative Fragen jemals hervorbringen.

Dieter Lintz

Nachtcafé, SWR-Fernsehen, freitags, 22 Uhr